Winternacht

(Thorsten Pache)

 

Kapitel I

(Kälte)

 

Der andauernde Wind trug die klirrende Kälte selbst unter die dicke Fellkleidung des Holzfällers. Der über zwei Schritt große Hüne hob die schwere Axt, holte weit aus und vergrub sie tief in dem mächtigen Baumstamm. Holzsplitter durchschnitten die Luft, während Karles mit einem kräftigen Ruck die Axt wieder aus dem Holz zog und ein weiteres Mal zum Schlag ausholte. Die riesigen Bäume maßen beinahe zwei Schritt im Durchmesser und waren dank ihrer verhältnismäßig kleinen Baumkronen ideal zum weiterverarbeiten. Durchschnittlich wuchsen die älteren Riesen bis zu dreißig Schritt in die Höhe und bildeten mit vereinzelten Nadelbäumen den Wald, der drei Viertel des Hochlandes ausmachte. Karles hatte sich unter seine dicke Lederhose zwei Paar Unterwäsche gezogen und trug mit Fell umwickelte Stiefel, die ihm die meiste Zeit die Füße trocken hielten. Eine dicke Pelzmütze bedeckte seinen, mit kurz geschnittenen Haaren bedeckten, Kopf und sein Vollbart war gepflegt und sauber gestutzt. Die meisten Waldarbeiter hielten die Arbeit in den hiesigen Wäldern nicht länger als ein oder zwei Monate aus – zu viele starben in dieser eisigen Hölle. Arbeitsunfälle waren nichts Außergewöhnliches und Schneelawinen gehörten schon fast zur Tagesordnung. Der riesige Wald bot zahlreiche Gelegenheiten, sich zu verirren und ein qualvoller Kältetod war in jenem Fall schon fast sicher. Es interessierte Niemanden, in dem Lager, ob jemand starb oder nicht – es wurde schnell neuer Ersatz gefunden. Der größte Teil der Arbeiter setzte sich aus Verbrechern zusammen, die aus den überfüllten Kerkern des östlichen Kontinentes herangeschafft wurden. In dieser Eiswüste wurde ihnen die Hälfte, der abzusitzenden Jahre erlassen und sie bekamen dazu noch einen anständigen Lohn. Auch wenn Viele später nicht mehr dazu in der Lage waren, das schwer verdiente Geld auszugeben. Karles holte erneut zum Schlag aus, als er eine Stimme rufen hörte.

„Ich denke, das reicht jetzt!“

„Den Einen noch“, antwortete Karles mit tiefem Baß in seiner Stimme und ließ die Axt, deren Griff er mit beiden Händen halten mußte, durch die Luft fliegen. Tief schnitt das schwere Gerät in den Stamm und ließ die Baumkrone erzittern. Mit einem Ruck zog er sie wieder raus, streckte sich zur vollen Größe und stützte sich dann auf den Knauf der in den Boden gerammten Axt.

Ein kleines, aber grazil wirkendes Wesen sah ihn aus großen schwarzen Knopfaugen an, stemmte die Fäuste in seine Seite und zischte wütend: „Du muß auch immer das letzte Wort haben, was? Er wäre fast zu früh gefallen und hätte uns unter sich begraben!“ Das dunkelblaue Fell des Kleinen glänzte im Licht der Nachmittagssonne und war mit schwarzen Streifen gemustert. Obwohl der listige Blick in seinen Augen an eine Raubkatze erinnerte, waren doch die Gesichtszüge und die beiden geschickten Hände eher Merkmale eines Affen. Mit seinem fast einen Schritt langen Schwanz zog das Wesen eine Säge hinter sich her und hinterließ eine tiefe Spur im Schnee.

„Ach, sei nicht so ein Feigling, Flux“, lachte der Mann und tätschelte ihm den Kopf, aus dessen Stirn drei kurze, stumpfe Hörner ragten. Das kleine Affenwesen versank bis zu den Knien in dem tiefen Schnee und reichte dem Mann kaum bis zu den Schultern. Flux durchbohrte ihn mit seinem Blick und stellte seine spitzen Ohren auf. „Wer klaut denn hier den hiesigen Waldbewohnern das Fell, wickelt sich damit ein und bibbert trotzdem noch wie ein Mädchen? Und mich nennst du Feigling?“ Er schüttelte den Kopf, faßte an die eine Seite der Säge, dessen Blatt gut eineinhalb Schritt maß und wartete bis Karles es ihm gleich tat. Sie setzten sie an die vorgearbeitete Stelle an den Stamm des Baumes und begannen, in gewohntem Rhythmus, ihre Arbeit zu vollenden.

„Nun sei nicht so aufbrausend, kleiner Mann. Ich habe doch nur ein Witz gemacht. Und was die Kälte angeht – Ich besitze kein frostabweisendes Fell, wie euer Volk.“ An den ungeschützten Stellen seines Körpers waren schon die ersten Anzeichen von Frostbeulen auszumachen, sein Ehrgeiz und der Reiz des Goldes ließ in jedoch weiterarbeiten, wo niemand anderes mehr auf den Beinen war. Oben, über den Wipfeln der Bäume schien die wärmende Sonne und schmolz das Eis auf dem Blätterwerk tagsüber etwas an, was die Bildung von meterlangen Eiszapfen zur Folge hatte. Ab und an kam es vor, dass eines dieser todbringenden Geschosse zu Boden viel und selten – aber es kam vor – einen der Arbeiter traf. So weit oben auf dem Berg arbeiteten nur die hartgesottensten aller Holzfäller, zu denen auch Karles und der kleine Menlog gehörten. Weiter unten waren die Temperaturen wesentlich lebensfreundlicher. Die Lawinengefahr sank mit der Höhe und leider auch die Größe und die Art der Bäume. Wo dort nur gewöhnliche Nadelbäume wuchsen, da existierte in der enormen Höhe des Berges, das richtige – und einzige Klima um die Gigantbäume wachsen und gedeihen zu lassen. Die dünne, eisige Luft in Kombination mit den wärmenden Sonnenstrahlen über den Baumwipfeln waren der Grund dafür, weshalb sie so weit oben ihre Arbeit zu verrichten hatten.

„Oh, oh“, rief Flux besorgt und stellte seine muschelförmigen Ohren auf, an deren Enden kleine Haarbüschel wuchsen.

Karles legte seinen Kopf in den Nacken und konnte zu sehen, wie die ersten Eiszapfen vom Wipfel stürzten und der Gigantbaum langsam aber stetig an Stabilität verlor. „Das ist zu früh, du verdammtes Miststück“, rief er erzürnt gen Himmel, als wollte er den Baum wegen seines Ungehorsams schelten.

Das laute Ächzen des alten Baumes kündigte den Sturz des Ungetüms an und dutzendweise bohrten sich meterlange Eiszapfen neben den beiden Freunden in den harten Boden und zersprangen, mit lautem Getöse, in tausend Splitter.

Mit einem Satz sprang Flux dem Hünen auf den Rücken, bohrte ihm seine Krallen in die Schultern und rief so laut er konnte: „Er fällt, Lauf doch schon!“

Karles zog mit einem Kräftigen Ruck die Säge aus dem Stamm, während nur einen Fingerbreit neben seiner Schulter ein todbringender Eiszapfen den Ärmel seiner Pelzjacke streifte und auf dem Boden zerschellte.

„Wir sollen unser Arbeitsgerät nicht zurücklassen, dass weißt du ganz genau. Schließlich dürfen wir für die anfallenden Kosten aufkommen, wenn wir etwas vergessen.“

Das Bersten von Holz übertönte die Erwiderung des kleinen Menlogs, obwohl er sie dem Mann direkt in die Ohren schrie. Mit wenigen, großen Schritten hechtete Karles aus der Gefahrenzone und konnte mit ansehen, wie der Gigantbaum in die geplante Richtung zu Boden ging, ohne einen weiteren Baum zu streifen. Eine Woge des aufgewirbelten Neuschnees kam auf die Beiden zu und hüllte sie einen Augenblick in einen eisig kalten Hauch.

„Na siehst du.“ Der groß gewachsene Mann zeigte auf den gefallenen Baum und grinste. „Das war alles perfekt Geplant. Ach ja, du kannst jetzt loslassen, du Feigling.“

Flux öffnete zögernd ein Auge und spähte über die Schulter seines Kameraden. Langsam löste er die Krallen aus der Felljacke und sprang dann, mit einem Satz, zu Boden.

„Ich lach mich krumm. Geplant ja? Und warum hast du den Baum dann entwurzelt?“, fragte der Menlog, während er dem Ort des Geschehens entgegen hechtete.

Karles warf sich die schwere Axt auf die Schulter und folgte seinem Freund. „Hm. Was soll’s. Die anderen haben wir schließlich fachgerecht gefällt.“ Er blickte den Berg hinab, an dessen Hang zahlreiche Stümpfe vergangener Bäume aus dem Boden ragten und von sauberer Arbeit zeugten. „Ich glaube Infus ist im Anmarsch“, bemerkte er, als durch die Schneeverwehungen einen dunklen Fleck ausmachen konnte. Ein riesiger Elefant, am ganzen Körper mit langem, wärmenden Fell bedeckt und zwei riesigen Stoßzähnen schälte sich langsam aus dem herabfallenden Weiß.  Ein Mann, vollkommen in Pelze gehüllt, führte den Mammut an einem Seil den Hang hinauf und grüßte die Beiden mit einer kurzen Handbewegung.

„Wir müssen uns beeilen“, hörte Karles die Gestalt sagen, dessen Gesicht hinter einem Schal vermummt war. Flux hatte derweil damit begonnen, zwei große Haken in das Ende des Baumstammes zu schlagen und rief dem Neuankömmling einen Gruß zu.

Karles streckte sich und griff nach der schweren Kette, die an der Seite des Mammuts auf einer Trommel aufgerollte worden war, hievte sie mit langsamen Schritten bis zu dem Baumstamm und befestigte sie an den von Flux vorbereiteten Haken. Infus war noch dabei, die zweite Kette abzurollen und hatte deutlich mehr mit der Last der Kette zu kämpfen, tat seine Arbeit aber gewissenhaft.

„Puh“, schnaufte er, beugte sich nach vorne, stemmte die Hände auf die Knie und schnappte nach Luft, die Mangelware in dieser Höhe war. „Sapperlot, diese Ketten müssen eine Tonne wiegen“, schimpfte er und rieb sich den Rost von den Handschuhen.

Karles legte den Kopf in den Nacken und streckte sich gen Himmel. „Ich denke, wir werden dann auch Schluß machen für Heute. Wir haben keine halbe Stunde mehr, bis die Sonne untergeht“, sagte Karles und reichte dem Mann die Säge. „Nimm unser Zeug schon mal mit, wir kommen gleich nach. Infus nickte, nahm das Führungsseil des Mammuts und rief: „Auch ihr seid nicht unsterblich, auch wenn das einige im Lager denken. Ihr solltet euch auch langsam auf den Weg machen.“

Flux lachte laut und balancierte auf dem Stamm entlang zu den beiden Menschen. „Na klar Mama, wir sind zum Abendessen zu Hause“, mimte er die Stimme eines Kindes nach.

Infus sah ihn wütend an und grummelte: „Nein ich habe nur keine Lust eure Arbeit zu übernehmen, nach dem ich eure tiefgekühlten Leichen zurückgebracht habe.“

Die schweren Handtellergroßen Metallglieder ächzten bei der Last, die sie zu ziehen hatten, als sich der Mammut mit einem Ruck in Bewegung setzte. Er schnaufte noch etwas vor sich hin und führte den Mammut davon. Ein geeigneter Platz, um die gefällten Bäume den Hang hinab rutschen zu lassen, lag gut zwei Meilen entfernt.

Karles sah dem armen Teufel nach, bis ihn die Schneeflocken nach einigen Schritt gänzlich in ihr weißes Kleid gehüllt hatten. Infus war sehr viel älter, als man vermuten mochte, wenn man ihn bei der Arbeit beobachtete. Er hatte niemandem verraten, wie alt er wirklich war. In seinem Gesicht waren aber deutlich die Spuren vieler Jahre zu lesen. Karles empfand großen Respekt für den alten Mann und fragte sich, wie lange er noch dem Streß dieser unmenschlichen Arbeit standhalten würde, als ihn die Stimme seines kleinen Freundes aus seinen Gedanken riss.

„Ich glaub hier stimmt etwas nicht“, rief der kleine Menlog, der neben dem entwurzelten Stumpf stand. Er wedelte nachdenklich mit seinem Schwanz, an dessen Ende ein schwarzes Haarbüschel wuchs und knabberte auf seinen Fingernägeln. Seine schwarzen Knopfaugen hatten sich zu einer Linie zusammen gezogen, um sich dem spärlicher werdenden Sonnenlicht anzupassen „Ich weiß nicht genau, was das zu bedeuten hat. Aber ich denke, du solltest dir das mal ansehen...“

Die grob aus der Erde gerissene Wurzel ragte zum größten Teil aus dem Schnee und reichte dem Hünen bis zu Schulter. Ein gut fünf Schritt breites Loch zeugte nur annähernd für die Ausmaße, die der Kolossbaum unterhalb der Erde gehabt haben mochte. Die einzelnen Wurzeln waren zerrissen und ein großer Teil mußte noch im Erdreich verblieben sein. Karles sah sich das gigantische Gewächs an und strich beeindruckt über das eigentliche Herz des riesigen Baumes, der hier noch vor wenigen Augenblicken gestanden hatte. Er kam sich winzig klein vor, als er in dem großen Erdloch stand. Er legte den Kopf in den Nacken und sah durch das Loch, welches jetzt in den dicht aneinander wachsenden Baumkronen entstanden ist, direkt in den bewölkten Himmel. Nur noch wenige Sonnenstrahlen durchbrachen das dichte Laubwerk und tauchten den Wald in ihr ein rötliches Zwielicht. Die enorme Größe dieser Bäume war beeindruckend, besonders für diese sonst so unwirtliche und lebensfeindliche Gegend.

„Eine Wurzel. Und? Was ist daran...“ Erschrocken zog er die Hand zurück, wich einen Schritt nach hinten, stolperte über einen Erdhuckel und fiel zu Boden in das aufgewühlte Erdreich. Angewidert beobachtete er, wie sich die Wurzeln des riesigen Baumes, wie Tentakeln in einem chaotischen Durcheinander bewegten.

„Was ist das?“, fragte er mehr zu sich selbst, schüttelte seinen Kopf und versicherte sich noch einmal, ob er sich das Ganze nicht nur eingebildet hatte. Flux sprang mit einem Satz zu dem Barbaren in das Loch und setzte sich neben ihn auf den ungewöhnlich warmen Boden. „Siehst du, was ich meine?“, fragte er, legte seinen Kopf auf die Seite und sah ihn fragend aus seinen Knopfaugen an.

Karles klopfte sich den Dreck von den Sachen und nickte abwesend. Wie dutzende großer Würmer schlängelte sich das Gewächs in einem Haufen, der ihn zu hypnotisieren schien.

„Ich glaube, ich habe es mit dem Gesöff letzte Nacht etwas übertrieben. Jetzt sehe ich schon...“

Flux unterbrach ihn und setzte den Satz fort: „eine lebendige Wurzel!“ Er näherte sich mit langsamen Schritten dem Stumpf, hielt seine Nase in die Luft und schnupperte.

„Ich weiß nicht, ob es klug ist, was du da machst“, warnte ihn der Barbar, setzte sich auf und hob seine Axt vom Boden auf.

„Hm... Ich bin mir nicht sicher aber ich glaube nicht, dass wir etwas zu befürchten haben. Was auch immer das sein mag – Es stirbt.“ Der kleine Menlog faßte nach einer der Wurzeln und hielt sie fest. „Sie fühlen sich warm an. Was glaubst, was das alles zu bedeuten hat?“

Es war deutlich zu erkennen, dass die Bewegungen der Pflanze träger wurden und sich der erste Rauhreif über das Holz legte.

Karles kratzte sich die Bartstoppeln an seinem Kinn. „Es ist nur so ein Gedanke, aber möglicherweise transportieren diese riesigen Bäume die Wärme von da oben...“ Er deutete auf die Baumwipfel, die mittlerweile zum Größten Teil in den niedrig hängenden Schneewolken verschwunden waren. „... nach unten in den Boden.“ Er deutete mit der schweren Holzfälleraxt auf das tiefe Loch, in dem sie standen.

„Aber der Boden ist steinhart gefroren“, warf Flux ein und ließ die mittlerweile erstarrte Wurzel wieder los. Nichts erinnerte mehr an die ungewöhnlichen Vorgänge. Nur noch ein gewöhnlicher, entwurzelter Baumstumpf lag vor den Beiden. Die ersten Schneeflocken, die den warmen Boden berührt hatten waren geschmolzen und bildeten eine dünne Schlammschicht in der Grube.

„An der Oberfläche schon, das ist wahr.“ Er nahm eine Handvoll Schlamm auf und ließ es durch seine Finger fließen. „Weiter unten ist das Erdreich warm und sicherlich auch fruchtbar.“

„Aber wofür?“, fragte Flux, sah ihn fragend an und fügte seiner Frage hinzu: „Was ist da unten?“

„Ich weiß es nicht. Sag du es mir, dein Volk lebt auf diesem Kontinent“, antwortete der Barbar.

Der kleine Menlog zog eine Augenbraue nach oben. „Bis ich in dieses verfluchte Straflager gekommen bin, habe ich nicht einen Fuß in diese eisige Hölle gesetzt. Nur weil mich mein Fell vor der Kälte schützt, heißt das nicht, dass ich mich bei diesen Temperaturen wohl fühle. Ich würde mir jetzt auch lieber die Sonne auf den Bauch scheinen lassen oder mir von einem unserer Weibchen...“

Der Barbar unterbrach ihn mit einer Handbewegung. „Ja, ja. Ich kann mir wohl vorstellen, was du meinst. Aber sei so gut und erspare mir den Rest“, sagte er und grinste.

Der Menlog wand sich wieder zu dem Baumstumpf und klopfte auf das mittlerweile gefrorene Holz.

„Was meinst du, haben wir ihn umgebracht?“

Karles runzelte die Stirn und zeigte seinem kleinen Freund einen Vogel. „Einen Baum umbringen? Na, du hast aber eine ungewöhnliche Art von Moralvorstellung.“

„Hmm, du hast wohl recht. Aber irgendwie tut er mir leid“, erwiderte Flux und fuhr plötzlich herum.

„Sieh dir mal die Sonne an“, forderte er den Barbaren auf.

„Welche Sonne? Es ist schon dunkel“, antwortete er verwirrt und schlug sich dann mit der flachen Hand auf die Stirn. „Verflucht. In dieser warmen Umgebung habe ich vollkommen vergessen, wo wir uns befinden. Ich denke nicht, dass wir es zum Lager schaffen werden. Es ist einfach zu weit und zu kalt in der Nacht.“

„Und wenn wir die Nacht einfach hier, in der Grube verbringen?“, schlug Flux vor.

Der Barbar ging in die Knie und fuhr mit der Hand über den Boden. „Hmm, der Schlamm beginnt schon zu frieren. Ich denke, wir werden hier ein oder mit etwas Glück, auch zwei Stunden überleben.“

„Da hast du wohl recht. Aber was ist, wenn wir uns tiefer graben?“

Karles stützte sich auf die schwere Axt und schüttelte den Kopf. „Wie weit würden wir wohl kommen, mit bloßen Händen und einer Axt?“

Flux rieb sich die Hände und pustete seinen warmen Atem zwischen die Handflächen. „Hast du eine bessere Idee, Mensch?“

„Nein.“ Er nahm die Axt in beide Hände und holte zum Schlag aus. „Machen wir es eben, wie du gesagt hast. Was haben wir schon zu verlieren?“ Die Axt des Holzfällers vergrub sich tief in den noch weichen Boden und durchschnitt dabei die verbleibenden Überreste der Wurzel. Ein Schlag, nach dem Anderen grub er sich in die Tiefe, während Flux an seiner Seite stand und beide Hände benutzte, um ihn tatkräftig zu unterstützen. Wie ein Hund schaufelte er den aufgewühlten Dreck hinter sich. Verzweifelt fochten sie einen Kampf gegen die eisige Kälte, aus dem sie sicher nicht als Sieger hervorgehen konnten.

Immer tiefer trug der Wind den Frost in die Grube und kroch langsam aber stetig in die Knochen der beiden tapferen Recken, die um ihr Überleben kämpften. Rauhreif hatte sich in den Bart des Barbaren gelegt und seine Lippen waren von der Kälte aufgesprungen. Nach einer kleinen Verschnaufpause spannte Karles wieder seine Muskeln an und holte weit zum Schlag aus, als er auf der neu gebildeten Eisschicht den Halt verlor und auf den Rücken stürzte. Seine Axt entglitt seinen starr gefrorenen Fingern und flog durch dir Luft um einen Augenblick später knapp neben dem kleinen Menlog aufzuschlagen.

Pff, das war knapp“, keuchte Flux und ballte seine Hand zur Faust. „Mensch, willst du mir einen schmerzhaften Kältetod ersparen, indem du mich umbringst?“ Er fuchtelte mit seinen Händen und schimpfte noch etwas vor sich hin.

„Ruhe“, befahl der Barbar und versuchte das Geräusch einzuordnen, das unter ihren Füßen den Ursprung zu haben schien und einen Augenblick zuvor noch nicht da gewesen war. Noch bevor die Beiden in der Lage waren, ein weiteres Wort zu wechseln, gab der Boden ohne Vorwarnung nach und hinterließ ein klaffendes Loch. Der Barbar versuchte sich an einer der Wurzeln festzuhalten, konnte aber keinen Halt finden und stürzte vier oder fünf Schritt in die Tiefe. Er landete auf einem steinernen Untergrund und wurde von Dunkelheit und einer dichten Staubwolke eingehüllt. Jeder Muskel in seinem Körper schmerzte und sein Orientierungssinn schien ihn im Stich gelassen zu haben. Er hatte Schwierigkeiten Oben und Unten zu unterscheiden und versuchte sich langsam voran zu tasten, als ihm etwas in das Kreuz fiel.

Ouch“, schrie der kleine Menlog und robbte von dem stämmigen Körper des Barbaren. Langsam legte sich der aufgewühlte Staub auf dem Boden ab und ließ etwas, des spärlichen Mondlichts durch die Decke dringen.

„Vorsicht!“, rief Karles laut, schnappte sich den Menlog, warf ihn über die Schulter und sprang zur Seite, um den Erdmassen auszuweichen, die ohne Vorwarnung von Oben nachkamen und sie beinahe unter sich begraben hätten.

„Das war knapp“, rief Flux, pustete den Dreck aus dem Rachen und sprang zu Boden. „Eine Sekunde später und diese Höhle wäre unser Grab geworden.“ Mittlerweile hatten sich die Augen des Menlogs an die Dunkelheit gewöhnt und er konnte die Umrisse eines Raumes und einiger verloschener Fackeln an den Wänden erkennen.

„Hast du noch deine Feuersteine?“, fragte er den Barbaren, löste zwei der Fackeln aus deren Befestigungen und hielt sie ihm auffordernd entgegen.

Karles faßte in die Innentasche seiner Felljacke und holte zwei Steine zum Vorschein. „Ja, sie sind sogar noch trocken.“ Zwei, drei Mal schlug er sie gegeneinander, als die dadurch entstandenen Funken die Fackeln zum Brennen brachten. Der flackernde Schein der Flammen tauchte den Raum in ihr warmes Licht und ließen deutlich vier Wände und Regale erkennen, auf denen allerlei Werkzeug und Behälter aufbewahrt wurden.

„Das ist eindeutig keine Höhle – jedenfalls keine natürlich“, bemerkte Flux und sah sich neugierig um.

Bunte Steinplatten zierten den Boden und in der Mitte des Raumes stand ein Steinblock, auf den eine Art von Sarkophag gestellt worden war.

„Was ist das?“, fragte Karles und wischte den fingerdicken Staub von der Deckplatte. Ihm vollends unbekannte Symbole oder Schriftzeichen waren neben zahlreichen Abbildungen sorgfältig in den Stein geritzt worden. Goldene Verzierungen umrahmten den vermeintlichen Sarg und auf dem Kopfende war eine angemalte Maske befestigt worden, deren Farben schon vor Jahrzehnten abgesplittert sein mußte.

„Von unten sind unsere Freunde kaum noch wieder zu erkennen“, sagte der kleine Menlog, der seinen Blick nach oben gerichtet hatte.  Über den Köpfen der Beiden ragten fast lückenlos Wurzeln aus der Decke und waren scheinbar für die angenehme Raumtemperatur verantwortlich. Im Gegensatz zu der abgestorbenen Wurzel, auf der Oberfläche, bewegten sie sich nur sehr langsam aber in einem stetigen Rhythmus.

„Das ist in der Tat ein erstaunliches Bild“, gab ihm der Hüne recht, setzte sich auf den Boden und lehnte sich an den Sarkophag. „Wo sind wir hier nur gelandet? Der Spinnweben und dem Staub nach zu urteilen, hat seit Jahrhunderten kein Mensch mehr diesen Raum betreten.“

Neugierig untersuchte Flux die Behälter, die in die Regale gestellt worden waren und wedelte aufgeregt mit seinem Schwanz.

„Immerhin ist es hier unten schön warm. Es spricht nichts dagegen, dass wir es hier bis morgen Früh aushalten“, erwähnte der Hüne und schloß seine Augen. „Es sei denn, die hier sind giftig und beißen uns, während wir ein Nickerchen halten.“ Der Menlog deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf eine handtellergroße Spinne, deren schwarze lederne Haut von gelben Flecken übersät war. Kleine Stacheln, deren Spitzen, aus einem bestimmten Winkel grünlich schimmerten, zogen sich in gerader Linie vom Nacken über den Rücken des Tieres.

Karles winkte ab. „Laß das arme Tier einfach in Ruhe, dann wird es uns auch nichts tun.“ Er verschränkte die Arme vor seiner Brust und einen Augenblick später kippte sein Kopf nach vorne.


Kapitel II

(Heimfahrt)

 

Der Gedanke an die warme Umarmung seiner geliebten Frau, das fröhliche Lachen seiner kleinen Tochter und nicht zuletzt an den Geruch von gebratenem Speck und Bratkartoffeln, veranlaßten den jungen Mann den Kutscher anzuordnen, das Tempo zu erhöhen. Obwohl er für diese Art von Geschäftsreisen mehr als ausreichend Personal hatte, so ließ sich der wohlhabende Gutsherr nicht davon abhalten, ab und an, selbst in die Kutsche zu steigen. Die großen Fabriken in Akaran hatte ihm sein Vater vor drei Jahren hinterlassen, als er im hohen Alter, an einem Herzschlag gestorben war. Einmal im Monat, so hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, führte ihn sein Weg zu den großen Hallen, in denen die Tinkturen hergestellt wurden, die seiner Familie schon seit Generationen den Lebensstandard sicherte, den sie gewohnt war. Er wollte den persönlichen Kontakt zu seinen Angestellten nicht verlieren und mit seiner regelmäßigen Präsenz das gute Verhältnis zu ihnen aufrechterhalten.

Ein goldenes, sich aufbäumendes Einhorn – das Familienwappen der Wannheimers – thronte auf dem schwarzen Spazierstock, den der junge Mann gelangweilt, zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her drehte. Obwohl körperliche Arbeit kein Fremdwort für ihn war, verbrachte er doch die meiste Arbeit hinter seinem Schreibtisch oder auf Reisen. Sein blauer Anzug war maßgeschneidert und betonte, perfekt sitzend, seine athletische Figur, während seine glatten, kurzen Haare sorgfältig nach hinten gekämmt waren. Er konnte seinem Hobby, das Erklimmen von Berghängen, zwar nur noch selten nachgehen, seit dem er seine kleine Familie hatte, was ihn aber nicht davon abhielt, sich stets in Form zu halten.

Der herbstliche Wind wirbelte das Laub von der Straße und ließ es in kleinen Zyklonen durch die Luft tanzen. Fast eine Woche war er dieses Mal unterwegs gewesen und das trübe, naßkalte Wetter steigerte sein Verlangen, endlich nach Hause zu kommen. Er schloß seine Augen und stellte sich vor, wie er vor dem Kamin auf dem großen Kanapee lag. Fast konnte er den roten Samtbezug unter seinen Fingern spüren und den warmen Atem seiner Frau spüren, die in seinen Armen lag, während das Knistern des Kaminfeuers hörte. Seine kleine Tochter spielte vor ihm, auf dem flauschigen Teppich mit dem Spielzeug, das er ihr aus der Stadt mitgebracht hatte und lachte fröhlich. Ab und an vergaß er, dass er der glücklichste Ehemann auf dieser Welt war. Er schmunzelte zufrieden und öffnete seine Augen wieder. Nach Vorne gebeugt, klappte er seine breite Tasche nach beiden Seiten auf und betrachtete das hölzerne Spielzeug, das zwischen den zahlreichen Unterlagen lag. Er hatte den halben Nachmittag damit verbracht, diesen detailliert geschnitzten Drachen auf dem Jahrmarkt auszusuchen. Seine Tochter liebte alle Dinge, die mit alten Legenden und Märchen zu tun hatten. Obwohl sie kaum neun Jahre alt war, hatte sie doch schon eine ganze Sammlung von hölzernen Fabelwesen auf ihrem Regal stehen. Einhörner, Meerjungfrauen, Greifen und vieles mehr hatte er ihr schon auf vergangenen Fahrten mitgebracht.

Ein plötzlicher Ruck, der durch die Kutsche ging, riß ihn aus seinen Gedanken. Ein entgegenkommendes Regiment, berittener Soldaten nahm den Weg auf der gesamten Breite ein und hatte den Kutscher dazu gezwungen, an den Straßenrand auszuweichen und den Wagen zu stoppen. In Zweierreihen trabten sie nebeneinander in Formation, angeführt von einer Person, deren schwerer, brauner Lederumhang im Herbstwind flatterte. Einen dunklen Hut tief ins Gesicht gezogen und einem prächtigen, goldenen Zepter in Linken, ritt er auf einem mächtigen, weißen Roß. Ein langer, schwarzer Bart wuchs aus dem Gesicht des grimmigen Mannes. Einer nach dem Anderen ritten sie an der Kutsche vorbei, ohne ihm oder dem Mann auf dem Kutschbock eines Blickes zu würdigen. Der junge Gutsherr konnte die rot schwarzen Wappenröcke, welche die Soldaten über den Rüstungen trugen, in keines, der ihm bekannten Reiche einordnen. Das Emblem auf dem Rücken des Hauptmannes zeigte eine Rose, an dessen Stiel ein Tropfen Blut herab lief. Der stolze, fast arrogante Blick des alten Mannes schien eiskalt und starr geradeaus gerichtet. Flankiert wurde er von einem Ritter, in einer glänzenden Gestechrüstung und einem Bannerträger, beide ebenfalls zu Pferd. In einem nahezu gleichmäßigen Rhythmus schlugen die Hufe der gut zwei Dutzend Pferde in das Erdreich und spritzen den Schlamm gegen die Kutsche, die vom Kutscher auf das Feld, am Wegesrand gelenkt worden war. Am Ende der Schlange zog ein Soldat zwei Pferde hinter sich her, über deren Sattel regungslos zwei Körper hingen. Die vermeintlichen Leichen gehörten dem Regiment an und waren wohl vor kurzem in einer Schlacht umgekommen. Der junge Gutsherr strich sich durch die Haare und schluckte. Kein schöner Anblick – dachte er sich und sah zu, wie die Soldaten im dichten Regen verschwanden. Einen Augenblick später war auch schon alles vorbei. Nur noch die Hufspuren, der Rösser, die durch Wind und Regen bald schon verschwunden sein würden, zeugten von dem Ereignis, als der Kutscher den Pferden die Peitsche gab.

Nur noch drei oder vier Stunden, dachte sich der älteste der Wannheims und faltete sein Jackett zusammen, um es dann unter seinen Kopf zu legen und einen Augenblick später, mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen einzuschlummern. Bald würde er Zuhause sein. Zuhause, bei seiner geliebten Familie ...


 

Kapitel III

(In Sicherheit)

 

Das laute Schnarchen von Karles war das einzige Geräusch, das Flux in dem unterirdischen Gemäuer wahrnehmen konnte. Seinen knurrenden Magen haltend lief er von einem Regal zum anderen, in der Hoffnung auf etwas zu stoßen, das seinen Hunger stillen konnte. Was auch immer der Inhalt der Gefäße gewesen sein mochte, die in dem Raum aufbewahrt wurden, mittlerweile war nichts mehr davon übrig. Nur noch Staub bedeckte die Böden der zahlreichen Krüge, Schalen und Phiolen.

„Überall nur Dreck und Spinnweben“, schimpfte der kleine Menlog vor sich hin, als ihm auffiel, dass der Raum keine sichtbaren Durchgänge oder Türen aufwies. Er griff nach einem Becher aus Elfenbein und schlug ihn leicht gegen die Wand. Ein dumpfer Ton. Mit wenigen Schritten erreichte er die andere Seite des Grabmals. Auch ein dumpfer Ton. Beim dritten Versuch war ein hohles Geräusch und daraufhin ein leiser Widerhall zu hören. Flux preßte sein Ohr ganz nah an den warmen Stein und versicherte sich noch einmal, ob er sich nicht getäuscht hatte. „Keinen Zweifel hier hinter ist es hohl!“, sagte er zu sich selbst.

„Ein weiterer Raum?“, fragte Karles, der einen Augenblick zuvor aus seinem unruhigen Schlaf aufgeschreckt war.

„Vermutlich.“ Flux sprang mit einem Satz zu dem Barbaren und sah ihn aus seinen großen, schwarzen Knopfaugen an.

 „Wenn du mir hilfst, können wir nachsehen“, sagte er und hüpfte aufgeregt auf der Stelle, während er ihn auffordernd ansah.

Karles stützte sich auf den Rand des Sarkophages und stemmte sich nach oben, als die schwere Platte, begleitet von einem schabenden Geräusch, ein paar Zoll zur Seite rutschte.

Der Barbar spannte seine Muskeln und drückte mit ausgestreckten Armen feste gegen die Steinplatte.

 „Was soll’ s, wenn er schon mal offen ist, können wir auch mal nachsehen, was drinnen ist.“

Der kleine Menlog stützte seine Hände in die Seite und sah ihn gelangweilt an.

„Was soll da schon drin sein?“

„Gold oder Juwelen womöglich...“, erwiderte der Barbar und fügte dann hinzu: „Aber das interessiert einen kleinen Menlog wie dich ja nicht. Ihr habt doch ohnehin nichts für schöne Dinge übrig.“

Die schwarzen Knopfaugen funkelten listig und einen Augenblick später stand Flux an der Totenstädte.

„Schätze meinst du also?“, fragte er. „Vielleicht sollten wir doch mal nachsehen.“

„Etwas Hilfe wäre nicht schlecht, die Steinplatte wiegt mehr als ein Mammut“, schimpfte Karles, dem der Schweiß in Form von kleinen Perlen die Stirn hinab rollte.

Der Menlog streckte sich, dehnte seine Muskeln und kletterte auf den Rand des Sarkophags. Mit aller Kraft stemmte er seinen Rücken gegen die Steinplatte, die daraufhin nachgab und einen Spalt ins Innere freigab. Zur Überraschung des Barbaren schien ein heller Lichtstrahl aus der Öffnung und erhellte den Raum schlagartig.

Flux fuhr erschrocken herum, stolpert und fiel rückwärts zu Boden.

„Was ist das?“, rief er, während er sich eine Hand vor das Gesicht hielt und aus zusammengekniffenen Augen etwas zu erkennen versuchte.

Der Barbar hatte sich abgewandt und rieb sich die Augen. „Ich weiß es nicht, aber das werden wir gleich herausfinden“, sagte er, griff nach seiner schweren Axt, schob den Griff unter die Steinplatte und hebelte sie nach oben, woraufhin sie nach hinten kippte, zu Boden ging und unter lauten Getöse in drei große Teile zerbrach.

Das blendende, helle Licht pulsierte vor den Augen des Barbaren und nahm ihm jegliche Sicht. Es dauerte einen Augenblick, bis sich seine Augen an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Aus dem dunklen Fleck in der Mitte des steinernen Sarges zeichneten sich die ersten Formen ab. Zwei Beine, zwei Arme und ein Kopf waren zu erkennen. Dann war sich Karles sicher, auf die menschliche Silhouette, eines kleinen Menschen zu blicken. Ein junges Mädchen lag auf einer Decke und schien unversehrt zu sein, als wenn sie gerade erst in den Sarg gelegt worden wäre.

„Was... warum...“, stotterte Flux fassungslos, der sich auf seine Zehenspitzen gestellt hatte um über den Rand sehen zu können.

Langsam nahm das grelle Licht an Intensität ab und erlosch. Die Aura, die den Leichnam umgab hingegen, begann zu pulsierte. Einmal, dann noch einmal. In regelmäßigen, immer kürzer werdenden Abständen flammte das Licht auf, das die Kleine umgab. Dann passierte Etwas, das für die Beiden unvorstellbar war. Die Finger des Mädchens fingen unwillkürlich an zu zucken und sie riss ihre Augen weit auf, als sie nach all den Jahren ihren ersten Atemzug tat. Wie eine Ertrinkende, die aus dem Wasser gerettet worden war, hustete und würgte sie. Nur war es nicht das nasse Element, das ihr Körper aus der Lunge zu entfernen versuchte, sondern Staub von unzähligen Jahren. Ohne ein Wort zu verlieren, griff der Barbar nach dem Mädchen, das in ein weißes Hemd gehüllt war, legte sie an seine Schulter und schlug ihr sanft auf den Rücken.

„Ja, meine Kleine, laß es nur raus.“ Die rauhe Stimme des Barbaren klang sanft und beruhigend. 

Das Mädchen hustete noch zwei, drei Mal und sah ihren Retter mit großen, tiefgründigen Augen an. Ihre dunkel lila Pupillen waren ungewöhnlich schmal und schienen Karles tief bis in die Seele blicken zu können. Tränen kullerten ihre Wangen hinab und ihrem Blick waren deutliche Enttäuschung und Traurigkeit zu entnehmen. Mit dem Ärmel wischte sie sich die Tränen weg und ließ sich, durch den Griff des Barbaren auf den Boden rutschen.

„Wo... wo ist meine Mutter?“, fragte sie mit zitternder Stimme.

Flux, der kaum einen Kopf größer, als das etwa zwölfjährige Mädchen war, sprang von dem Rand des Sarkophags.

„Ich weiß nicht, wo deine Mutter ist, aber wir werden sie schon finden“, versuchter er das Mädchen zu trösten.

Sie schluchzte noch einmal, bekam einen ernsten Blick und schüttelte den Kopf, während sie ab winkte. „Du brauchst mich nicht anzulügen. Ich habe die letzten dreihundert siebenundvierzig Jahre in dem Stein gelegen und weiß, dass sie schon lange tot sein muß.“ Ihre Stimme klang jetzt sehr viel erwachsener, als die eines Kindes es sein sollte.

Der Menlog sah sie verdutzt an und stellte dann neugierig seine Ohren auf. „Das heißt, du warst die ganzen Jahre lang wach, während du in diesem Ding gelegen hast?“

Das junge Mädchen versuchte sich vergeblich die zerzausten, langen Haare in Ordnung zu bringen, während sie zielstrebig zu einem der Behälter auf den Regalen zulief. „Ja und – Nein“, sagte sie nur und drehte eine bronzene Vase einmal um hundertachtzig Grad. Das laute Schaben von Stein auf Stein kündigte die schwere Schublade an, die sich langsam unter dem Sarg ins Freie schob. Die Kleine fuhr herum und lächelte.

„Ich wußte doch, dass ich nicht alles vergessen habe“, sagte sie und wühlte einige Kleidungsstücke und eine Haarbürste aus Elfenbein hervor.

Karles kniete sich vor das Mädchen und sah sie fragend an. „Hör mal Kleine, warum hat man dich in diesen Sarg gesteckt? Und warum gibt es hier keinen Ausgang?“

„Ich habe so vieles vergessen... In all den Jahren... Ich... ich weiß es einfach nicht mehr.“

Sie pustete den Staub von der sorgfältig gelegten Kleidung und faltete sie auseinander. Etwas verwundert hielt sie ein weißes Hemd vor sich und kratzte sich am Kopf.

„Scheint mir etwas zu groß geraten für eine kleine Lady, wie dich.“ Karles konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als ihm ein Pergament auffiel, das zu Boden gefallen war. Vorsichtig löste er den Knoten der roten Schnur, die das zusammengerollte Papier hielt. Fremdartige Symbole waren mit schwarzer Tinte sorgfältig niedergeschrieben worden und im Laufe der Jahre stark verblaßt.

„Kannst du mir möglicherweise sagen, was das hier bedeutet?“ Karles hielt ihr das Pergament entgegen und sah sie fragend an.

Das Mädchen strich mit der Hand über das Papier. „Es kommt mir irgendwie vertraut vor, aber ich bin mir nicht ganz sicher...“ Sie schüttelte den Kopf und Traurigkeit überschattete ihren fröhlichen Gesichtsausdruck. „Ich glaube, es ist von meiner Mutter. Sie – Sie hatte mir versprochen, mich abzuholen...“, schimpfte sie und eine Träne gewann den Kampf gegen ihre Selbstbeherrschung und rollte ihre Wange herunter.

„Schon gut Kleines, mach dir keine Sorgen. Alles wird wieder gut, du wirst schon sehen“, beruhigte sie der Barbar und machte eine beschwichtigende Handbewegung. „Das ist jetzt auch nicht so wichtig.“

Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und hatte sich einen Moment später wieder gefaßt.

„Ich würde mich gerne umziehen“, sagte die Kleine und wartete, bis sich die beiden Männer umgedreht hatten.

Das weiße Oberteil war trotz der vielen Jahre unversehrt und an den Rändern mit goldenen Stickereien verziert worden. Es war ebenso, wie der passende, weiß goldene Rock viel zu groß geschnitten und hielt erst, nachdem sie sich, das Nachthemd als Gürtel verwendet, um die Taille gebunden hatte. 

„Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Verzeiht meine Unhöflichkeit“, sagte die Kleine und krempelte sich die, viel zu langen, Ärmel nach oben. „Mein Name ist Sellesta, zumindest das weiß ich noch.“

„Schön dich kennen zu lernen junge Dame. Mich nennt man Karles und das hier ist...“ Der Barbar verbeugte sich und deutete dann mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Menlog, während er seinen Satz beendete. „... mein kleiner, pelziger Freund Flux.“

Das Mädchen machte einen Knicks. „Sehr angenehm. Ich danke euch Karles und Flux, dass ihr mich aus meinem Gefängnis befreit habt.“

Der Menlog spielte nachdenklich mit dem Haarbüschel, an seinem Schwanzende. „Na ja, irgendwie hast du – oder besser gesagt dein Volk auch uns gerettet.“

Die Kleine sah ihn fragend an.

„Wenn dieser Raum hier nicht gewesen wäre, würden wir immer noch oben in der Kälte hocken und wären vermutlich schon zu längst Eisblöcken gefroren.“

„Zu Eis gefroren, wie meint ihr das? Es ist doch recht warm hier.“

Flux führte sie zu der Stelle, wo das große Loch, das ein gutes Dutzend Schritt entfernt in der Decke klaffte.

Mit großen Augen betrachtete Sellesta die herabfallenden Schneeflocken und ließ sie auf ihre ausgestreckte Handfläche fallen. „So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen“, sagte sie fasziniert und sah mit an, wie die Flocken zu schmelzen begannen. „Das fühlt sich ungewöhnlich an“, kicherte sie.

Eine gute Stunde war vergangen, seit Karles und der Menlog durch das Loch gefallen waren und hatte dem Frost genügend Zeit gelassen, sein Territorium zu vergrößern. Immer tiefer kroch die eisige Kälte in den Boden und verwandelte die fruchtbare Erde in steinhartes, vereistes Erdreich.

Das junge Mädchen durchbrach mit ihren nackten Füßen die hauchdünne Eisschicht, die sich auf dem schlammigen Boden gebildet hatte und genoß das kribbelnde Gefühl, der tausend kleinen Flocken, die auf ihrem nach oben gerichteten Antlitz, landeten.

Karles legte seine Stirn in Falten und faßte sie an die Schulter, um sie zu sich herum zu drehen.

Aufgeregt sah sie ihn an und fuchtelte aufgeregt mit ihren Händen. „So etwas habe ich noch niemals zuvor gefühlt. Das ist wunderbar“, lachte sie.

„Nenn mich einen Narren, aber es scheint mir, als wärst du in der letzten halben Stunde gewachsen?“

Flux sah ihr in die Augen und bestätigte die Vermutung des Barbaren. „Er hat Recht, als wir dich aus dem Sarg geholt haben, warst du noch einen Kopf kleiner als ich.“

„Oh“, sagte sie mit einer Stimme, die mittlerweile nicht mehr, die eines achtjährigen Mädchens war. Sie zog ihre Kleidung etwas zurecht, die immer noch einen Deut zu groß war und fuhr ihre, jetzt sehr viel weiblicheren Rundungen, mit den Händen nach. „Ich, ich bin groß“, stotterte sie ungläubig.

Flux legte seinen Kopf auf die Seite und faßte sich an sein Kinn. „Also, ich kenne euer Volk erst seit ein paar Monaten aber ich würde sagen, dass du gut sechzehn oder siebzehn Jahre alt bist – im Moment.“

Karles konnte ein breites Grinsen bei dem Anblick der frisch gebackenen, jungen Frau, die verwundert an sich herab sah, nicht unterdrücken und warf ein: „Genau genommen ist sie dreihundert siebenundvierzig Jahre.“

Flux schüttelte den Kopf. „Dreihundert siebenundfünfzig, wenn schon. Schließlich war sie schon mindestens zehn Jahre alt, als sie ihre Mutter in den Sarg gesteckt hat.“

Karles stemmte seine Fäuste in die Seite und lachte. „Jetzt sei mal nicht so kleinlich Menlog. Auf jeden Fall hat sie sich, für ihr beträchtliches Alter, verdammt gut gehalten.“

Die junge Frau, wilde, schwarze Mähne von Haar mit einer fingerdicken, weißen Schicht Schnee bedeckt war, sah zu den Beiden rüber und zog einen Schmollmund. „Auch wenn ich über dreihundert Jahre alt bin, so habe ich immer noch gute Ohren und wäre dankbar, wenn ihr nicht über mich reden würdet, als wenn ich nicht da wäre.“

Der Barbar sah sie verlegen an. „Entschuldigt junge Frau, ich wollte nicht unhöflich sein. Es ist nur so, dass wir seit drei Jahren nur unter uns Männern in dem Lager gelebt haben und es deshalb nicht gewohnt sind, in der Gegenwart einer – so attraktiven Dame zu sein.“

Flux grinste von einem Ohr zum anderen, was bei einem Menlog wörtlich zu nehmen war.

„Sei nicht Böse Sellesta, es ist nur eine etwas ungewöhnliche Situation für uns.“

Das Mädchen strich sich den Schnee von ihren Haaren und lächelte.

„Wie sollte ich euch böse sein, ihr habt mich aus dem Stein befreit“, sagte sie mit bibbernder Stimme.

Karles legte seine Fellweste um die Schultern der jungen Frau hievte seine Axt auf die Schulter.

„Wir sollten uns ein etwas wärmeres Plätzchen suchen“, schlug er vor.

Flux nickte und sprang mit wenigen, großen Sätzen zu der gegenüberliegenden Wand.

„Hier muß etwas sein, da bin ich mir sicher. Unser Volk hat ein gewisses Gespür für versteckte Dinge.“

Karles fing an, die Regale von der Wand zu nehmen. „Ja, für versteckte Dinge, von denen sie lieber hätten die Finger lassen sollen, nicht wahr?“

Flux half dabei, die Gefäße bei Seite zu räumen und schimpfte: „Ja, ja spotte du nur. Aber vergiß nicht, dass auch du ein Gefangener bist.“

„Aber nicht wegen eines Diebstahles“, grummelte der Barbar. Langsam fuhr er mit dem Zeigefingern die Rillen zwischen den Steinen in der Wand nach.

„Dieb, wer ist hier ein Dieb?“ Der Menlog stemmte seine Fäuste in die Seiten und sah ihn vorwurfsvoll an. „Wir haben uns nur zurückgeholt, was einst unser war.“

„Das hat der Richter aber anders gesehen. Sonst wärst du wohl kaum hier.“

Flux half dabei, die Wand abzutasten und lachte spöttisch.

Sellesta hatte ihre Hände gefaltet und horchte belustigt der Unterhaltung. Lange hatte sie keine Stimmen mehr wahrgenommen – viel zulange. Bilder vergangener Zeiten schossen ihr unentwegt durch die Gedanken, verschwommen und undeutlich. Sie genoß die Anwesenheit der beiden tapferen Recken, die sie aus ihrem steinernen Gefängnis befreit hatten.

„Ja, weil der Richter mit der ganzen Sache zu tun hatte“, schimpfte der Menlog und stellte seine Ohren hoch, als er auf einen losen Ziegel in der Wand stieß. „Ich glaube hier ist etwas.“ Er benutzte seine scharfen Krallen, um den Mörtel in den Zwischenräumen zu entfernen und zog den Stein aus der Mauer.

„Kannst du was erkennen?“, fragte Karles den Menlog.

„Es ist zu dunkel.“

Der Barbar nahm eine Fackel aus der Halterung und hielt sie ihm entgegen.

„Nimm die hier.“


 

Kapitel VI

(Sorge)

 

„Brr!“, hörte der junge Mann den Kutscher rufen.

„Herr. Da hinten ist jemand!“

Ein Blick aus dem Fenster gab freie Sicht auf das große Maisfeld, das um diese Jahreszeit nicht bewachsen war.

Die Kutsche hatte vor einer guten halben Stunde die letzte Kreuzung zu dem Anwesen der Wannheimers genommen. Nur noch eine knappe Stunde waren sie von seinem heiß ersehnten Zuhause entfernt.

„Ich glaube es ist Rudolf, Sir“, rief der Kutscher und sprang vom Bock. Die schweren Lederstiefel drückten sich die in den Schlamm und spritzten ihn quer über den Weg.

„Dann geh fragen, was er hier draußen zu suchen hat“, befahl er, nach dem er das Fenster nach unten gekurbelt hatte. „Bei diesem Wetter auch noch.“

Rudolf war ein Angestellter im Hause der Familie und dem jungen Mann schon seit vielen Jahren ein guter Freund geworden. Aus die Entfernung, von zwei drei Hundert Schritt konnte er mit ansehen, wie der alte Hausdiener zu Boden fiel. Der junge Gutsherr setzte seinen schwarzen Zylinder auf und hechtete dem Kutscher zur Hilfe. Der Regen lichtete sich und einige Sonnenstrahlen durchbrachen, seit Tagen das erste Mal wieder, die dichten Regenwolken.

„Was ist geschehen?“, fragte der junge Mann besorgt, als er den regungslosen Körper des Dieners in dem Schlamm liegen sah und packte mit an, um zu Helfen, ihn zur Kutsche zu tragen. Die Bedienstetenkleidung des alten Mannes war an zahlreichen Stellen zerrissen und von Schlamm bedeckt. Sein rechtes Auge hatte sichtlich einen festen Schlag abbekommen und sein lichtes, graues Haar stand zerzaust nach allen Seiten. Als er den Griff seiner Retter bemerkte, öffnete er seine Augen und versuchte gegen den Hustenanfall anzukämpfen, der seinen zerbrechlichen Körper durchschüttelte.

„Herr, ihr seid zurück.“ Ein gequältes Lächeln überflog sein gepeinigtes Gesicht. „Ich habe Alles versucht, aber... Ich muss unbedingt... Es waren einfach zu Viele... Es ist gut das ihr wieder hier seid.“

„Beruhige dich mein alter Freund. Zu erst ein Mal werden wir dich nach Hause bringen. Und dann könnt ihr mir alles erzählen, was euch zugestoßen ist.“ Der junge Gutsherr machte eine beschwichtigende Handbewegung und half dem Kutscher den alten Mann in den Wagen zu hieven. Seine Hände zitterten und er wäre fast von der Bank gefallen, als er versuchte sich aufzusetzen. Sein schneller Atem ließ ihm kaum Zeit zum Sprechen. Immer wieder machte er eine Pause um Luft zu holen. „Bitte Herr... Ihr müßt euch beeilen... Sie sind ins Haus gekommen.“

Besorgt sah er den alten Mann an. „Was meint ihr damit?“

Der Kutscher stand draußen und sah skeptisch durch dir geöffnete Tür. „Jedenfalls wohl kaum euer Anwesen. Keine Räuberbande würde es zustande bringen an unseren Wachen vorbeizukommen.“

Der junge Lehnsherr nickte. „Das denke ich auch, aber nichtsdestotrotz sollten uns wieder auf den Weg machen. Ich habe ein schlechtes Gefühl bei der ganzen Sache.“

„Natürlich“, antwortete er, schlug die Tür hinter sich zu, stieg auf den Kutschbock und gab den Pferden die Peitsche.

Rudolf hatte sich in die Ecke der Kutsche gedrängt und in einen unruhigen Schlaf gefallen. Der junge Mann ballte unbewußt seine Hände zu Fäusten und sah beunruhigt aus dem Fenster. Es kam schon einmal vor, dass eine Räuberbande eines der Häuser in dieser Gegend ausraubte, aber niemand würde es wagen, sich mit den Wachen der Wannheimers anzulegen. Drei ausgebildete Wächter patrouillierten in regelmäßigen Abständen um das Anwesen. Dazu kamen noch zwei Wachposten am Tor. Er schüttelte den Kopf und hörte sich sagen: „Das kann nicht sein. Niemand würde es wagen...“

Der sorgenvolle Blick des jungen Mannes spiegelte sich in dem schmutzigen Fenster wieder. Besorgt schluckte er und stich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er stellte die große, lederne Tasche neben sich auf die Bank und drückte auf einen winzigen, unscheinbaren Schalter am unteren Rand. Dann noch einen auf der gegenüberliegenden Seite. Ein klickendes Geräusch. Er nickte zufrieden, als er ein kleines Geheimfach aus dem Boden der Tasche zog, in dem ein Holzkästchen aufbewahrt worden war.

Er nahm einen kleinen Schlüssel aus der Brusttasche seines Hemdes, steckte ihn ins Loch und drehte in solange, bis ein leises klickendes Geräusch zu hören war und der Deckel des Kästchens aufschwang.

Eine mechanische Waffe, geschmiedet aus Eisen, lag in der Mitte eines weinroten Seidentuches, daneben ein kleiner Kolben, ein Säckchen und ein dutzend Patronen. Mit einem Gefühl von Unbehagen strich er über das kalte Metall und sah ungeduldig aus dem Fenster. „Es ist ihnen sicher nichts geschehen“, hörte er seine eigene, flüsternde Stimme.

 


Kapitel V

(Heimat)

 

Nachdem Flux die Fackel durch das Loch geschoben hatte, war ein leises, zischendes Geräusch zu hören.

„Verflucht. Sie ist verloschen“, schimpfte der Menlog und hüpfte aufgeregt auf der Stelle.

„Der Kristallbach“, hörten sie die Stimme der jungen Frau, die sich an ihre Seite gestellt hatte und Flux über die Schultern blickte.

„Was meinst du?“, fragte der Barbar und sah sie fragend an.

„Die Fackel. Sie ist in den Kristallbach gefallen.“ Sie wies auf die Wand.  „Da war einst ein Durchgang. Er ist zugemauert worden. Dahinter fließt ein kleiner Bach – der Kristallbach eben.“

„Warum Kristallbach?“, fragte Flux, dessen Augen in Erwartung auf wertvolle Edelsteine aufblitzten.

Sellesta biß sich nachdenklich auf die Unterlippe und schüttelte den Kopf. „Ich habe nicht die geringste Ahnung.“

Flux hüpfte aufgeregt auf der Stelle. „Nun schlag die Wand schon ein! Wofür hast du denn die große Axt?“

Karles zog eine Augenbraue hoch und sah ihn verblüfft an. „Ich dachte, wir machen es dieses Mal auf deine Art?“

„Na, bis dahin bist du doch erfroren“, gab er übertrieben besorgt zur Antwort.

„Gut, wie du meinst.“ Karles nahm die schwere Holzfälleraxt von der Schulter und holte weit aus. „Haltet bitte etwas Abstand“, warnte er als das schwere Metall auf die Wand traf. Ziegel flogen durch die Luft und eine Staubwolke umgab den Barbaren. Ein Steinsplitter schoß durch die Luft und streifte das Ohr des Menlogs.

„Verflucht, kannst mich nicht rechtzeitig warnen?“, rief der Kleine wütend und hielt sich das Ohr.