Verbrannte Erde

(Thorsten Pache, 27. Juni 2003)
Es war ein warmer Abend im Spätsommer, als die Sonne am Horizont in einem Meer aus rot und orange Tönen versank. Ein wunderbares Schauspiel der Natur, dem an diesem Samstagabend niemand Aufmerksamkeit schenkte. Nicht an dem Abend, an dem der Komet kommen sollte.
Tony hatte den Fernseher auf den Balkon seiner Wohnung geschoben und verfolgte gespannt das Programm. Reportagen auf jedem Sender - immer dasselbe Thema: der Kometen. Wenn man den Berechnungen der Forscher glauben schenkte, sollte der enorm große Brocken aus massivem Stein und einer dicken Schicht Eis, in gut fünfundvierzig Minuten, nur wenige Kilometer an der äußeren Atmosphäre der Erde entlang schrammen. Schon monatelang hatten Astronomen und die Leute von der NASA die Flugbahn des Meteors berechnet und der Öffentlichkeit klar gemacht, dass kein Risiko bestehen würde.
Tony war Fünfundzwanzig und lebte im obersten Stockwerk eines Mehrfamilienhauses. Er arbeitete in der Bank und hatte eine recht beträchtliche Summe Geld auf seinem Bankkonto angehäuft. Der Gedanke, ein riesiger Felsen könnte seinem erfolgreichen Leben ein jähes Ende bereiten, gefiel ihm ganz und gar nicht. Also versuchte er den qualifizierten Aussagen der Wissenschaftler vertrauen zu schenken und genoss den Rummel, der um die ganze Sache gemacht wurde. Er lehnte sich auf das Geländer seines Balkons und ließ seinen Blick nach unten schweifen, wo ein großer Teil seiner Nachbarschaft ein Straßenfest feierte. Ein Sponsor hat einen Breitbildfernseher aufgebaut und einige Würstchenbuden kümmerten sich um das leibliche Wohl der Leute.
„Gleich ist es so weit", tönte es aus den Fernsehern und wie auf Kommando stoppte das Gebrabbel der Menschenmenge. Tony stellte den Kanal seines Gerätes nach und schluckte den Kloß runter, der ihm im Hals steckte. Irgendwie war es doch beunruhigend zu wissen, dass ein paar Minuten später ein Felsbrocken, von der Größe des Mondes, nur knapp an der Erde vorbei rasen sollte.
„Na, auch schon aufgeregt?", hörte Tony eine ihm wohl bekannte Stimme. Seine Nachbarin, eine junge, hübsche Frau, winkte ihm zu und lächelte. „Darf ich rüber kommen?", fragte sie und kletterte, ohne auf eine Antwort zu warten, über das Geländer ihres Balkons, der direkt neben seinem lag.
„Natürlich nicht und - ja, natürlich", antwortete er und bot Nadine den zweiten Liegestuhl an. „Was soll uns dieser kleine Kieselstein denn schon anhaben können", sagte er mit einem Grinsen auf dem Gesicht und bot der jungen Frau etwas von seinem Popcorn an, ohne seinen Blick von den großen Ziffern auf dem Fernseher zu nehmen. Drei Minuten zählte der Countdown noch. Noch hundertundachtzig Sekunden bis zu dem größten Ereignis, seit dem Ende der Dinosaurier.
Die Sonne hatte mittlerweile dem Mond den Himmel überlassen, der in seiner ganzen Fülle die Nacht erhellte. Tony lehnte sich nach hinten unten blickte neugierig nach oben, als er die ersten Umrisse des intergalaktischen Felsbrockens ausmachen konnte. In atemberaubender Geschwindigkeit kam der mächtige Meteor näher. Von der Sonne angestrahlt, leuchtete er auf Grund seiner geringen Distanz zur Erde noch heller, als der Mond und zog einen kilometerlangen Schweif hinter sich her, dessen verdampfende Teilchen in der Atmosphäre der Erde ein wahres Lichterschauspiel bot. Dreiundvierzig zeigten große Ziffern auf dem kleinen Fernsehgerät. Laut den Wissenschaftlern würde der Komet zu dem berechneten Zeitpunkt der Erde am nahesten sein. Das rege Treiben auf der Straße war einem leisen, beunruhigten Geflüster gewichen. Nur ab und zu hörte man das Nörgeln eines Kindes oder Bellen eines Hundes.
„Das ist wirklich beeindruckend, nicht wahr?" Tony sah in das faszinierte Gesicht seiner Nachbarin.
„Ja, er ist wirklich unbeschreiblich schön." Sie nickte, schenkte ihm ein Lächeln und wand sich dann wieder dem Schauspiel zu. „Ich hätte niemals zu träumen gewagt, etwas so großartiges miterleben zu dürfen."
Tony eilte in die Wohnung und kam kurz darauf mit einer Flasche in der Rechten und zwei Gläsern in der Linken zurück. „Darauf müssen wir anstoßen", sagte er, ließ die langhalsigen Gläser bis zum Rand mit Champagner vollaufen und grinste verschmitzt. „Von dem riesigen Meteoriten können wir noch unseren Großenkeln erzählen."
Nadine schmunzelte und zeigte auf den Himmelskörper. „Wenn der da oben ein Meteorit wäre, dann wären wir vermutlich schon alle tot."
„Wie meinst du das?", fragte Tony verwirrt.
„Das ist ein Meteor. Erst wenn ein Meteor auf die Erde stürzt, dann nennt man die einzelnen Brocken Meteoriten."
Bevor er etwas erwidern konnte, plärrte der Fernseher. „Meine Damen und Herren", hörte man aus den Reporter erzählen. „Jetzt ist es soweit. Wer auch immer befürchtet hat, der Komet würde auf die Erde stürzen, der kann jetzt beruhigt sein. Die Gefahr ist vorüber."
Lautes Grölen und Klatschen war von den Leuten auf der Straße zu hören. Irgendwie fiel auch Tony ein Stein vom Herzen. Er lehnte sich entspannt zurück und beobachtete wieder den Himmel. Erst jetzt begann er langsam zu begreifen, wie knapp die Erde gerade dem Untergang entgangen ist.
„Ich glaub dein Fernseher hat den Geist aufgegeben", holte Nadines Stimme den jungen Mann auf die Erde zurück.
„Alte Mistkrücke", schimpfte Tony, schlug gegen das Gerät und schaltete die Programme durch. „Nichts. Überall nur Schnee. Du hast wohl Recht. Der ist hin."
„Oder die Sender sind ausgefallen. Da unten ist auch nichts mehr zu sehen", sagte Nadine. Sie hatte sich über das Geländer des Balkons gelehnt und zeigte auf den großen Bildschirm.
„Alle auf einmal?", fragte Tony skeptisch. „Das wäre doch sehr seltsam…" Er schüttelte den Kopf und schaltete das Gerät aus, als ein leises Brummen zu hören und ein leichtes Kribbeln auf der Haut zu spüren war.
„Fühlst du das auch?", fragte Nadine, als sie den verwirrten Ausdruck auf seinem Gesicht bemerkte.
Tony nickte. „Ja." Er blickte nachdenklich in den Himmel. "Ich hoffe, dass sich diese Wissenschaftler nicht geirrt haben, was diesen riesigen Brocken da oben angeht. Irgendwie habe ich ein ungutes Gefühl. "
„Weißt du, Astronomie ist zwar nicht mein Fachgebiet, aber ich denke, dass wir außer Gefahr sind", versuchte Nadine den jungen Mann zu beruhigen und stützte sich auf das Geländer des Balkons. Mit verträumtem Blick sah zu sie, wie sich der Komet von der Erde entfernte und die letzten Partikel seines Schweifes in der Atmosphäre verglühten.
„Ich hoffe, du hast Recht", erwiderte Tony, der sich an ihre Seite gestellt hatte. Gemeinsam beobachteten sie den Himmel, bis schließlich Nichts mehr von dem Jahrtausendereignis übrig war, als ein klarer, nächtlicher Sommerhimmel.
Tony wand sich um, schüttete den Champagner nach und atmete erleichtert aus. „Dann war's das wohl", sagte er und überreichte ihr ein Glas.
„Sieht so aus."
„Was hältst du davon, noch etwas den nächtlichen Rummel da unten zu genießen?"
Nadine schenkte ihm ein Lächeln und nickte dann. „Gerne", sagte sie und war dabei in die Wohnung zu gehen, als es plötzlich Taghell wurde.
„Was… was ist…?", stotterte Tony und musste sich schützend eine Hand vor die Augen halten, als er in das helle Licht des Mondes blickte. „Was hat das denn jetzt nun wieder zu bedeuten?"
Nadine öffnete ihren Mund, so als wollte sie etwas sagen. Ihr Gesicht war kreidebleich.
„Was hast du?"
Sie brauchte einen Augenblick, um sich zu fassen und schüttelte dann den Kopf. „Ach nichts. Lass uns ruhig noch etwas spazieren gehen."
„In Ordnung."

„Nun sag schon, warum leuchtet der Mond so hell?", hakte Tony nach, der an der Seite der jungen Frau stand. Sie hatten vor einer Eisdiele halt gemacht, die zur Feier des Tages die üblichen Geschäftszeiten etwas ausgedehnt hatte. Es war mittlerweile nach Eins und zahlreiche Leute nutzten ebenfalls das außergewöhnliche Ereignis, für einen nächtlichen Spaziergang.
„Ich möchte keine voreiligen Schlüsse ziehen und dich unnötig beunruhigen", gab Nadine zurück.
„Warum nicht? Ich werde dich auch nicht verklagen, wenn du Unrecht hast", lachte Tony und nahm zwei Waffeln, randvoll mit Eiskugeln gefüllt, entgegen.
Die junge Frau sah sich um, als ob sie sicher gehen wollte, dass sie jemand hören konnte. „Lass uns ein Stück gehen", sagte sie und blickte beunruhigt in den taghellen Himmel. „Es ist so… Ich glaube…", versuchte sie den Anfang zu finden. „Ich vermute, dass der Komet dafür verantwortlich ist."
Tony blickte fragend in ihre Richtung. „Der Komet? Aber wir haben doch gemeinsam gesehen, wie er uns verfehlt hat."
„Ja, das schon. Aber, wenn er in die Sonne gestürzt ist, dann hat er vielleicht eine Kettenreaktion ausgelöst und…"
„Und hat damit den Mond zum leuchten gebracht, und? Warum bist du so besorgt wegen der Sache? Immerhin hat uns der Komet nicht getroffen."
„Wenn es auf unserer Hälfte der Erdkugel, mitten in der Nacht Taghell ist, was denkst du, wie es auf der anderen Seite aussieht? Immerhin haben wir hier über dreißig Grad…"
„Meinst du, dass die jetzt eine Hitzewelle haben, oder so etwas in der Art?"
„Hitzewelle?" Nadine konnte sich einen zynischen Lacher nicht verkneifen. „So ganz grob über den Daumen gepeilt, würde ich als Physikstudentin im letzten Semester schätzen, dass es so um die zwei bis drei hundert Grad sein dürfte, auf der anderen Seite der Erde."
Tony blieb stehen. „Aber du hast selbst gesagt, Astrologie sei nicht dein Hauptfach, oder? Dann hast du dich vielleicht geirrt."
„Nein, ich bin keine Hellseherin, aber auch kein Astronom, was du wahrscheinlich sagen wolltest. Aber du hast schon Recht, es ist nicht mein Fachgebiet. Deshalb wollte ich eigentlich auch nichts sagen. Ich wollte dich nicht unnötig beunruhigen."
Der junge Mann strich sich den Schweiß von der Stirn. „Aber wenn du mit deiner Vermutung Recht behältst, dann hätten sie doch sich schon im Fernsehen darüber berichtet, oder nicht?"
Nadine nickte zustimmend. „Ja, bestimmt sogar. Wenn es funktionieren würde", sagte sie und wies auf den großen Bildschirm, der immer noch auf einer kleinen Bühne vor sich hinflimmerte.
„Mal angenommen, der Komet hat die Sonne getroffen", sagte Tony. Das mulmige Gefühl in seiner Magengegend war mittlerweile zurückgekehrt. „Was wird dann auf uns zukommen, wenn morgen früh die Sonne aufgeht?"
„Wenn die Eruptionen noch nicht nachgelassen haben, werden wir den nächsten Sonnenuntergang sicher nicht erleben. Die Hitze kann kein Lebewesen überleben."
„Und wenn sich das Ganze bis dahin wieder beruhigt hat?"
„Dann würden wir zumindest nicht verbrennen. Trotzdem hätten wir es dann mit Klimakatastrophen zu tun. Erdbeben, Wirbelstürme und…" Sie machte eine kurze Pause, atmete tief durch und fuhr dann fort: „Das Eis an den Polen wird geschmolzen sein und einen großen Teil der Kontinente werden überflutet."
„Das klingt nicht gut. Was werden wir jetzt unternehmen? Wir haben noch gut drei Stunden Zeit, bis die Sonne aufgeht." Tony sah sie fragend an. So, als wenn sie auf alles eine Antwort haben müsste.
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Vielleicht unsere letzte Nacht genießen?"
Tony sah sie entrüstet an. „Was soll das. So schnell gibst du auf? Können wir nicht einen Professor aus deiner Uni anrufen? Oder einen Luftschutzbunker aufsuchen?"
Nadine holte ihr Handy aus der Tasche. „Siehst du?" sagte sie und zeigte auf den Balken, der den Empfang anzeigte. Die Anzeige stand auf null. „Die funktionieren nicht mehr. Die Fernsehübertragungen sind ausgefallen und auch das Radio."
Tony rannte über die Straße zu einer Telefonzelle. Er riss die Tür auf und nahm den Hörer ab. „Verdammt!", rief er. „Das geht auch nicht." Er schlug so feste er konnte gegen die gläserne Wand der Zelle. Einige Risse entstanden und Blut klebte an der Scheibe. „So kann das doch nicht enden!"
„Ich weiß nicht, was morgen auf uns zukommt und ob diese Nacht unsere letzte sein wird…", hörte er Nadines leise Stimme. Sie hatte sich an seine Seite gestellt und nach seiner Hand gefasst. Sie zitterte wie Espenlaub.
„Aber ich möchte sie nicht alleine verbringen."

Tony fühlte die heißen Sonnenstrahlen auf seiner Haut, als er aus seinem tiefen Schlaf erwachte. Er lag in seinem Bett und rieb sich die Augen, während er laut gähnte.
„Ein Traum. Es war alles nur ein Traum", murmelte er erleichtert vor sich hin, während er zum Fenster stolperte und den Vorhang zur Seite riss. Er stellte sich auf den Balkon und blinzelte in die Sonne, während er Gott dafür dankte, dass er noch lebte. Erst, als er seine Augen wieder öffnete, erkannte er, dass er nicht geträumt hatte. Am liebsten hätte er vor Schreck laut los geschrieen, als er das Wasser sah. Es stand bis knapp unter seinem Balkon. So weit er sehen konnte, war alle überflutet worden „Zum Glück habe ich mich für das Appartement im dritten Stock entschieden", war das einzige, was er dachte, als ihm Klar wurde, das alles anders geworden war, nach dem der Komet die Erde verfehlt hatte…

(c) Juni Thorsten Pache