Stumme Schreie

(Thorsten Pache 24. Januar 03)


Richard setzte sich vor das Lenkrad seines Audis und lehnte sich nach hinten in den Sitz aus feinstem Nappaleder, während seine Hand zum Zündschloss wanderte. Ein zufriedenes Lächeln schlich über sein Gesicht, als er das Schnurren des Motors hörte. Er warf sein schwarzes Sakko auf den leeren Beifahrersitz und trat auf das Gaspedal. Bis eben war er auf einer dieser Schickimicki Partys gewesen. Bis spät in den Abend hat ihn seine Agentin festgehalten. Die Leute wollen dem Künstler in die Augen sehen, predigte sie immer, wenn er sich vor solchen Anlässen drücken wollte.
Unaufhörlich wechselten sich Regen und Hagel ab und prasselten in einem monotonen Rhythmus auf die Windschutzscheibe. Es war schon späte Nacht und Richard hatte die lange Heimreise über die zahlreichen Landstassen und Dörfer unterschätzt.
Irgendwann zwischen seinem dritten und vierten Lebensjahr hatte der jetzt weltbekannte Maler einen Filzstift in die Hände bekommen und die Tapeten des Wohnzimmers mit seinen Kunstwerken bekritzelt. Seinerzeit schon war ihm klar, dass er sein Leben der Kunst widmen würde, einer brotlosen Arbeit, wie er schnell herausfinden sollte, als er auf eigenen Füßen stand und kaum das Geld für die Miete aufbringen konnte. Zumindest bis er eines Tages das richtige Bild in der richtigen Ausstellung hängen hatte. Eine berühmte Künstleragentin war auf ihn aufmerksam geworden und hatte sich kurzerhand dazu entschieden, ihn groß raus zubringen. Damals ging alles Schlag auf Schlag. Aus seiner kleinen Zweizimmerwohnung wurde ein Penthaus - aus seinem alten Golf ein Audi TT. Eigentlich war ihm das Geld nie wirklich wichtig gewesen, aber etwas Luxus war auch nicht verkehrt.
Das andauernde Hin und Her des Scheibenwischers und der fehlende Schlaf ließen seine Augenlieder schwerer werden. Er war im Begriff einzunicken, als er den Schrei hörte, den er niemals wieder vergessen würde. Augenblicklich schreckte er aus seinem Sekundenschlaf, griff verwirrt in das Lenkrad und versuchte den Wagen auf der Straße zu halten. Als er sich wieder einigermaßen gefasst hatte, blickte er nach beiden Seiten aus dem Wagen, um den Ursprung des Hilferufes zu ermitteln. Es war nichts Außergewöhnliches zu sehen. Nur die karge Landschaft, zur Rechten ein kleines Wäldchen. Im Rückspiegel erkannte er ein altes Anwesen, das langsam in der Dunkelheit verschwand.
Er fuhr mit einer Hand durch sein schulterlanges Haar und drehte das Radio leiser, in dem gerade eine alte Schnulze gespielt wurde. Er fragte sich, ob er den Schrei wirklich gehört hatte oder, ob es nur ein Streich gewesen war, dem ihm sein Unterbewusstsein gespielt hatte, um ihn am Einschlafen zu hindern. Er ließ das Fenster zur Hälfte runter und genoss den kühlen Fahrtwind, als er unweit der Straße einen Wagen ausmachte. Jemand hatte einen dunkelroten Jeep vor einen Baumstumpf gesetzt. Richard ging vom Gas und lenkte den Audi an den Straßenrand - ein oder zwei Meter von dem Unfallwagen entfernt. Er zog sich sein schwarzes Sakko über und stieg aus dem Wagen.
Es schien keine große Sache zu sein. Lediglich der Frontspoiler war etwas eingedrückt und ein Scheinwerfer zu Bruch gegangen. Er wischte mit dem Ärmel den Regen von der Scheibe des Geländewagens und lugte ins Innere. Es war nicht viel zu erkennen. Nur die ungefähren Umrisse einer Person. Jemand saß auf dem Fahrersitz, den Kopf auf das Lenkrad gelegt. Richard klopfte gegen das Glas und wartete einen Augenblick. Nichts. Erst, als er die Tür öffnete gab der Mann etwas von sich. Eine Kopfwunde hatte sein weißes Haar rot gefärbt. Richard sah geschockt auf den schwer Verletzten. "Sie müssen zurückgebracht werden", röchelte der Sterbende und griff nach seinem Arm.
"Was?", fragte Richard und wusste im selben Augenblick, dass er keine Antwort mehr bekommen würde, als der Mann seine Augen nicht mehr zu schließen vermochte. Der junge Künstler spürte seinen Magen rebellieren, löste hektisch den starren Griff des Toten um sein Handgelenk und lief ins Gestrüpp, um sich zu übergeben.
An seinem Wagen angekommen, griff Richard nach dem Handy und lehnte sich gegen die offene Fahrertür. "Netzsuche" blinkte es auf dem Display. Er atmete tief die frische Luft in seine Lunge und kämpfte gegen die andauernde Übelkeit an, als ihm das alte Gemäuer in den Sinn kam. "Vielleicht ist dort jemand zuhause", dachte er und machte sich auf den Weg. Wie bizarr geformte Kunstwerke säumten kahle, knorrige Bäume den Weg bis hin zu dem drei Stockwerk hohen Gebäude. Mit einem quietschenden Geräusch öffnete Richard das filigran gearbeitete Tor zum Vorgarten. Eine kleine Holzhütte, neben die ein Holzschild in den Boden geschlagen worden war stand am sauber gepflasterten Weg. "Vorsicht! Wachhund!", stand darauf geschrieben. Um der Warnung folge zu leisten versuchte er, kein Geräusch von sich zu geben, als er auf den glatten Steinen ins Schlittern kam und auf seinen Unterarm stürzte. Leises Knurren kündigte den Dobermann an, der aus der Hundehütte geprescht kam, seinen Blick auf den Künstler fixiert. Richard rollte sich zur Seite, stützte sich auf seinen unversehrten Arm und sprang auf. Erst als Richard das leise Wimmern des Tieres hörte, fiel ihm auf, dass er sich nicht in Gefahr befunden hatte.
"Du armes Ding", flüsterte er und beugte sich nach unten - immer noch mit sicherem Abstand zu dem Hund, der ein lahmes Bein hinter sich herzog und eine Wunde an der Seite aufwies. Es war offensichtlich, dass das arme Tier erst vor kurzem misshandelt worden war. Er begutachtete die Schürfwunde an seinem Ellbogen, als die Eingangstür aufgestoßen wurde. Ein beleibter Mann hielt eine Zigarre und ein Feuerzeug in den Händen.
"Wer sind sie?", rief er völlig überrascht, als er den Eindringling erblickte. "Und was wollen sie auf meinem Grundstück?" Er griff nach einem Rechen, der an die Wand gelehnt stand und hob ihn drohend in die Luft.
"Beruhigen sie sich", rief Richard. "Es hat einen Unfall gegeben. Jemand ist ums Leben gekommen", versuchte Richard zu erklären.
Der Dicke sah ihn misstrauisch, aus zusammengekniffenen Augen an.
"Ein Unfall?"
"Nur ein paar hundert Meter die Straße runter. Wenn sie ein Telefon besitzen, würde ich gerne die Polizei informieren."
"Also gut. Kommen sie rein", grummelte der alte Mann, dessen kahler Kopf nur an den Seiten von kurzem, grauen Haar bedeckt war. Auf seiner argwöhnisch gerunzelten Stirn klebte ein breites Pflaster und ein viel zu enges, schmutziges Unterhemd vermochte die Massen seines Bauches nicht zu verbergen.
Richard nickte und stellte sich unter die Überdachung des Eingangs.
"Ich wollte nicht unfreundlich sein", entschuldigte sich der Alte, während er Richard durch die große Eingangshalle in das Wohnzimmer des Hauses führte. "Das hier sind meine Frau Hilda und unsere Tochter", stellte er seine Familie vor.
Noch bevor der junge Künstler ein Wort sagen konnte, rief die Mutter besorgt: "Guter Mann, sie sind ja völlig durchnässt." Während sie damit beschäftigt war, ihm das Sakko abzunehmen, wanderte Richards Blick zu der hübschen, jungen Dame, die schüchtern da stand und kein Wort von sich gab. Verlegen blinzelte sie Tränen aus ihren Augen.
"Das ist unsere Tochter, Jessica", erklärte die ebenfalls reichlich opulente Dame des Hauses und fügte dann hinzu: "Seien sie nicht böse, wenn sie nicht viel spricht. Sie ist stumm", erklärte sie und griff nach der Hand ihrer Tochter. "Mach dich mal nützlich, Mädchen. Unser Gast hätte bestimmt gern eine Tasse Tee."
Richard lehnte dankend ab. "Ich möchte wirklich keine Umstände bereiten."
"Das sind keine Umstände. Wir haben nicht oft Besuch hier draußen und freuen uns über etwas Gesellschaft", gab sie zurück und schloss die Wohnzimmer hinter sich. Eine wirklich seltsame Familie, dachte der junge Künstler und vertrat sich in dem großen Zimmer die Beine. Die ungewöhnlich hohe Flamme in dem Kamin verbreitete eine wohlige Wärme. Auf dem Sims stand eine Reihe von Bildern. Photos, die scheinbar Jessica als junges Kind zeigten und ein Pärchen. Einen Mann mit Vollbart und eine schwarzhaarige Frau. Vermutlich ihre Eltern, dachte Richard. Die Aufregung der letzten Ereignisse ließen ihn diesen Augenblick der Stille genießen. Nur das leise Knistern des Kaminfeuers und der Regen, der gegen das Fenster prasselte waren zu hören. Er nahm eines der aktuelleren Bilder vom Sims. Wo Jessica als Kind fröhlich lachend zu sehen war, schien sie auf diesem sehr unglücklich, fast verzweifelt zu sein. Sie musste zu jener Zeit schon fast erwachsen gewesen sein und stand an der Seite ihrer Großmutter. Er drehte das Bild auf die Seite und sah einen Zeitungsausschnitt, der zusammengefaltet in den Rahmen gesteckt worden war. Alles, was er lesen konnte waren die Worte: "Ein schrecklicher Autounfall." Erschrocken fuhr er herum, als er eine Hand auf der Schulter spürte und sah in die geheimnisvollen, braunen Augen der jungen Frau, dessen Bild er immer noch in der Hand hielt.
Jessicas langes, pechschwarzes Haar umrahmten ihre hohen Wangen und ihre Stupsnase ließen den jungen Künstler unweigerlich an eine Porzellanpuppe denken, die der fähigste Künstler nicht schöner hätte formen können. Die junge Frau hielt ein silbernes Tablett in der Hand, auf dem ein wertvolles Service und ein kleines Schälchen mit Kandiszucker gestellt worden waren. Sie stellte das Tablett auf den marmornen Tisch und sah Richard tief in die Augen. Ihr Blick so traurig und doch voller Leben. Wie ein schüchternes Reh stand sie da und wartete auf das, was ihr Unbekannt war. Tränen kullerten ihr über die Wange, als sie das Bild in der Hand des Künstlers erblickte. Sie schluchzte leise und ihr Kinn bebte, als sie mit den Finger über das Glas fuhr.
Richard strich ihr die Tränen aus dem Gesicht. "Ich weiß nicht, was dich bedrückt. Aber bin mir sicher, es wird alles wieder gut", versuchte er sie zu trösten, auch wenn er nicht den Grund für ihren Kummer kannte. Sie stellte das Bild zurück und zeichnete mit ihren Händen schnell aufeinander folgende Figuren in die Luft.
"Ich verstehe keine Gebärdensprache", sagte Richard entschuldigend und hielt ihre zitternden, zierlichen Hände fest, die soviel auf einmal zu sagen hatten.
"Bitte etwas langsamer. Vielleicht verstehe ich dann."
Sie nickte und nahm ihre Hände aus den seinen. Sie ahmte die Bewegung einer Person nach, die an einem Lenkrad sitzt.
"Ein Auto?"
Sie nickte und versuchte dann einen Unfall anzudeuten.
"Du meinst ihr hattet einen Autounfall?"
Ein Kopfschütteln.
"Waren Leute hier, die einen Unfall hatten?"
Sie nickte und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Dann ahmte sie den gebückten Gang ihres Vaters nach, was schon etwas amüsant aussah.
"Dein Vater?", lachte er.
Sie schüttelte erst empört den Kopf, zögerte kurz und nickte dann.
"Er kümmert sich um alles, hat er mir versichert. Aber wenn du möchtest, frage ich ihn, ob ich ihm helfen kann."
Bevor sie auf irgendeine Art antworten konnte schwang die Tür zum Wohnzimmer auf.
"Verdammt du solltest doch auf uns warten", donnerte die tiefe Stimme ihres Vaters, als er Jessica sah. Die junge Frau stand mit dem Rücken zu ihm und zuckte vor Schreck zusammen. Sie wich unwillkürlich ein, zwei Schritte vor ihrem Vater zurück, der in der Tür stand und sie mit einem Blick ansah, der Richard einen Schauer über den Rücken jagte. Die junge Frau stolperte über die Kante des Tisches und wäre wohl hart auf die marmorne Platte gestoßen, wenn Richard nicht zur Stellte gewesen wäre, um sie aufzufangen.
"Es ist ja nichts passiert", versuchte Richard den Dicken zu beruhigen, der mit großen Schritten auf die junge Frau zustampfte. Der junge Künstler half Jessica wieder auf die Beine und schob sich zwischen den wütenden Mann und seine Tochter. Er sah, wie die Augenlieder des Mannes vor Aufregung zuckten. "Bitte, es lag wirklich nicht in meinem Sinn einen Familienstreit zu entfachen", sagte er und wunderte sich über den unangemessen heftigen Gemütsausbruch des Familienoberhauptes, dessen Augen den jungen Künstler mit durchdringenden, fast irrsinnigen Blicken musterten.
"Ja, sie haben wohl Recht", gab er zurück. Von einer Sekunde auf die nächste, hatte sich sein Gesichtsausdruck wieder normalisiert und nur noch ein gezwungenes Lächeln lag auf seinem Gesicht. "Aber diese verdammten Kinder können einen auch wirklich zur Weißglut treiben."
Jessica begann zu weinen und rannte an ihrem Vater vorbei aus dem Wohnzimmer.
"Hilda bringt ihnen gleich etwas Anständiges zum Abendbrot", sagte er mit einem breiten Grinsen auf seinem runden Gesicht. Bevor Richard etwas erwidern konnte, stand seine Gattin auch schon in der Tür, einen reich gefüllten Teller in den Händen.
"Ah, das riecht ja wunderbar. Wenn ich nicht schon den Bauch voll hätte, würde ich ihnen Gesellschaft leisten." Er winkte seiner Frau zu und schob den Sessel zur Seite, um ihr Platz zu schaffen.
"Ich will ihnen wirklich keine Umstände bereiten."
"Wir haben heute Nachmittag frisch geschlachtet. Es ist noch mehr als genug davon da, schlagen sie nur zu. Wir können sehr beleidigt sein, wenn man unsere Gastfreundlichkeit nicht zu schätzen weiß."
Ihr Mann nickte zustimmend und stemmte die geballten Fäuste in seine Hüften. "Genießen sie in aller Ruhe das Essen meiner Frau", sagte er und schloss die Wohnzimmertür hinter sich.
Eigentlich hatte Richard in der Tat großen Appetit und bei dem Anblick des saftigen Steaks, das vor ihm auf dem Teller dampfte, lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Er griff nach Messer und Gabel und schnitt sich ein großes Stück mundgerecht zurecht, als er leise Schritte hörte. Jessica stand an seiner Seite und hatte ihr sonst so bezauberndes Gesicht zu einer Grimasse verzerrt und sah angewidert auf den Teller. Sie griff nach Richards Essen und warf es samt Teller in den Kamin.
Der junge Mann sah fassungslos in das Feuer, wo sein Mahl verbrannte.
"Was hat das denn jetzt zu bedeuten?", fragte er. "War das Steak vielleicht schlecht gewürzt?"
Die junge Frau zog einen Schmollmund und schüttelte den Kopf.
"Also nicht? Warum darf ich dann nichts essen?"
Sie zuckte mit den Schultern.
"Komm setz dich zu mir."
Zögernd nahm sie neben ihm auf dem Kanapee platz. Richard fühlte, wie sie am ganzen Leib zitterte.
"Ich weiß wirklich nicht, was hier vor geht", begann der junge Mann, als Jessica mit ihrem Zeigefinger einen Stift nachahmte und auf einem unsichtbaren Zettel zu schreiben begann.
"Du möchtest etwas zum Schreiben?", fragte Richard und zog sein Handy vom Gürtel. "Kannst du damit umgehen?"
Sie zog eine Augenbraue hoch und sah ihn vorwurfsvoll an.
"Oh, tut mir leid. Aber mit den Dingern kann man auch Schreiben. Hier probier es einfach."
Jessica nahm das Handy, sah erst etwas skeptisch auf die Tastatur, kam dann aber schnell damit zurecht. Buchstabe für Buchstabe kam Richard der Wahrheit näher, als ein entfernter Türschlag die junge Frau aufschrecken ließ. Sie ließ das Handy fallen, sprang auf und versteckte sich hinter der Wohnzimmertür, die im gleichen Augenblick aufgestoßen wurde.
"Und? Hat es Ihnen geschmeckt?", fragte die Dame des Hauses.
"Vorzüglich."
"Gut. Die Polizei hat den Unfallwagen schon fortgeschafft. Sie können jetzt beruhigt nach Hause fahren."
Richard nickte und steckte sein Handy wieder weg. Als er das Wohnzimmer verließ, sah er in die verängstigen Augen des Mädchens, das nur die wenigen Zentimeter Holz von ihrer Mutter trennten.
Minuten später saß Richard wieder an dem Lenkrad seines Wagens und schaltete das Radio ein. Er zog das Handy aus seiner Brusttasche und klappte es auf. Während er den Ton lauter drehte, las er Jessicas Nachricht. Es war nur ein einziges Wort, das auf dem Display stand: "Hilfe!"
"Am gestrigen Abend haben sich zwei Häftlinge aus der Strafanstalt für psychisch kranke Schwerverbrecher befreit. Ein Mann und eine Frau, beide mittleren Alters. Sie waren wegen Kannibalismus inhaftiert worden und sind extrem gefährlich. Während ihrer Flucht haben sie einen Wärter als Geisel genommen, der immer noch als vermisst gilt. Falls sie Hinweise auf den Aufenthalt einer der Häftlinge haben...", ertönten die Nachrichten aus dem Radio. Die Reifen des Wagens quietschten, als Richard auf das Gas trat und wendete. "Verdammt", schimpfte er laut und wäre beinahe von der Straße abgekommen. Plötzlich wurde ihm alles klar. Der Geländewagen mit dem toten Wärter. Die stummen Hilfeschreie des Mädchens und der verletzte Hund. Wenn Jessica wegen seiner Stumpfsinnigkeit den Tod finden würde, könnte er sich das niemals verzeihen. Ohne zu überlegen trat er das Gaspedal bis zum Anschlag durch.

Richard drückte die Türklinke nach unten und stemmte sich gegen die schwere Eingangstür. Erleichtert stellte er fest, dass sie nicht verriegelt war. Das Licht im Flur brannte noch, aber niemand war zu sehen. Plötzlich hielt er inne. Er hatte etwas gehört. Ein leises Wimmern. Es schien aus der Küche zu kommen.
Jessica saß regungslos auf einem Holzstuhl und war mit einem Seil an die Lehne gefesselt. Richards Herz schlug ihm bis in den Hals, als er nach dem Handgelenk des Mädchens fasste. Mit zitternden Fingern tastete er nach ihrem Puls.
"Es war keine gute Idee, zurückzukommen!", hörte er die tiefe Stimme des vermeintlichen Familienvaters. Noch bevor er reagieren konnte, spürte er einen heftigen Schlag in der Seite und wurde zu Boden geschleudert. Ein stechender Schmerz pochte in seiner Schulter, während sein Blick zu verschwimmen begann.
"Er wollte dich wohl befreien Kleines", schrie Franz das ohnmächtige Mädchen an und lachte böse, während er ihre Fesseln zu lösen begann. "Ich dachte wirklich, wir hätten ihn davon überzeugt, dass wir eine glückliche, kleine Familie sind."
Richard schwankte und hatte sichtbar gegen die drohende Ohnmacht anzukämpfen.
"Jetzt werden wir drei spielen gehen, meine Kleine. Hilda ist schon ganz ungeduldig", hörte er den entflohenen Irren sagen, während er versuchte aufzustehen. Er stützte sich auf seinen unverletzten Arm und rief: "Lass sie in Ruhe, du irrer Schwachkopf!"
Franz wand sich zu ihm und grinste unheimlich über seine speckigen Wangen. "Sonst was? Willst du dich vielleicht mit mir anlegen?"
"Du wirst schon sehen Fettbacke."
Vor Wut prustend ließ er von Jessica ab und kam auf Richard zugestampft. Er zog ein Schlachtermesser aus dem Holzblock, der auf dem Küchentisch stand, holte weit aus und schlug zu. Nur um Haaresbreite entging Richard der tödlichen Waffe, rollte sich zur Seite und trat dem Dicken vor die Kniescheibe. Franz begann zu torkeln und ein weiterer Tritt in die Beine brachte ihn zu Fall.
Richard wand seinen Blick ab, als er das Blut sah, das sich unter dem Leib des Geisteskranken ausbreitete. Er war in sein eigenes Messer gefallen und seinen leblosen Augen nach zu urteilen war ihm sicher nicht mehr zu Helfen. Richard verzog sein Gesicht vor Schmerzen, während er sich an dem Küchenschrank nach oben zog. Als er sich vor Jessica kniete und sich daran machte, ihre Fesseln zu lösen, sah er ihren überraschten Blick und nichts hätte ihn in diesem Augenblick glücklicher machen können, als der Glanz in ihren Augen und ihr erleichtertes Lächeln.
"Franzi, wo bleibt ihr denn?", rief Hilda. Ihr heiterer Gesichtsausdruck verfinsterte sich augenblicklich, als sie ihren Mann in der Blutlache liegend sah. Ihr hasserfüllter Blick richtete sich auf Richard, der sich schützend vor Jessica aufbaute.
"Es war ein Unfall", versuchte er zu erklärten, als Hilda nach zwei, drei großen Schritten vor ihm stand und ihre Hände um seinen Hals legte. Die enorme, fast übermenschliche Kraft der Irren hatte ihn vollkommen überrumpelt. Seine Kehle zugedrückt, versuchte er verzweifelt nach Luft zu schnappen und sich aus seiner misslichen Lage zu befreien. Er hatte schon mit seinem Leben abgeschlossen, als ein Küchenstuhl den Kopf der Frau traf und Splitter des zerbrochenen Holzes die Luft durchschnitten. Jessica hatte sich aus ihren Fesseln befreit und stand mit den Überresten des Stuhls in ihren Händen vor der Verrückten, die nach der großen Platzwunde an ihrem Kopf tastete und ins Wanken geriet. Sie blickte starr auf einen Punkt fern dieser Welt und lachte lauthals, kurz bevor sie zu Boden stürzte - direkt neben den Leichnam ihres mörderischen Ehegatten.
Jessica sagte etwas in der Sprache der Gehörlosen, fiel dem jungen Künstler um den Hals und schmiegte sich fest an ihn. Er legte seinen gesunden Arm um ihre Schulter. "Ja, Jessica. Ich bin auch froh, dass es vorbei ist. Niemand wird dir mehr etwas antun, das verspreche ich dir."
Im nächsten Ort informierte er die Polizei und konnte erst in den frühen Morgenstunden den Weg nach Hause fortsetzen - mit einer hübschen Begleiterin auf dem Beifahrersitz.