Geister Der Vergangenheit
Textprobe 1v2
(Angriff der Wolfsbestien)
Hätte man Argos später gefragt, aus welchem Grund er die Kutsche verlassen hatte, dann wäre ihm womöglich keine Antwort darauf eingefallen. Es mögen seine Raubtierinstinkte gewesen sein oder die nervösen Blicke und das ständige Schnaufen der Pferde. Sicher war allerdings, dass die kleine Gruppe an jenem Tag ein jähes Ende gefunden hätte, wenn der Katzenmensch tatenlos geblieben wäre. Die Nacht war kalt und der starke Regen hatte erst vor kurzem nachgelassen. Mit einem Satz sprang er von dem Bock der Kutsche auf den feuchten Waldboden und musterte argwöhnisch das dicht gewachsene Unterholz.
Er war nicht alleine. Da war er sich sicher. Er konnte förmlich die gierige Blicke sehen, die ihn beobachteten und den heißen Atem der Bestien spüren, die danach schmachteten sein Fleisch zu schmecken.
Argos gab ein leises knurrendes Geräusch von sich. Amadea war da draußen. Sie hatte mit dem kleinen Mädchen die Kutsche verlassen, um ihre Toilette zu verrichten. Seiner Meinung nach waren die Beiden schon lang überfällig. Er kratzte sich seinen Stoppelbart und scharrte ungeduldig mit den Füßen auf dem Boden, als er das kleine Mädchen erkannte, das sich aus der Dunkelheit schälte. Sie war alleine und schien nichts um sich herum wahr zu nehmen. Ihr Gesicht war kreidebleich, ihr Blick starr vor Angst.
„Was ist passiert, Mädchen?", fragte Argos.
Tränen liefen aus den großen Kulleraugen und suchten sich ihren Weg die Wangen hinunter. „Sie werden sie fressen", erzählte sie mit bebender Stimme und begann kurz darauf zu schluchzen.
„Wo ist Amadea?", fragte Argos mit tiefer, fast knurrender Stimme.
„Die hübsche Frau? Ich glaube sie haben sie schon Tot gebissen."
„Du weißt doch nicht, was du da sagst. Hier stirbt niemand." Als er die Spuren im Matsch sah, setzte er das Mädchen wieder auf die Füße.
„Lauf schon, Kleine. Und hol die Anderen", fauchte Argos und folgte den Spuren, die durch den ständigen Nieselregen immer undeutlicher wurden.
Das schleifende Geräusch des Schwertes, als er es aus der Scheide zog, nahm Argos mittlerweile gar nicht mehr war. Zu oft war er in der letzten Zeit in Kämpfe verwickelt worden.
Jeder Muskel in seinem Körper war angespannt, Adrenalin schoss durch seine Adern. Er durfte nicht zu spät kommen. Wenn der Freundin des Magiers etwas zustoßen würden, könnte er sich das niemals verzeihen. Argos folgte den Spuren auf dem schlammigen Waldboden so schnell ihn seine Beine tragen konnten. Schon von weitem erkannte er den massigen Körper eines Wolfes, der zähnefletschend vor Amadea hockte und zum Sprung angesetzt hatte. Die junge Frau stand erhobenen Hauptes vor der Wolfsbestie, die ihr bis zu den Schultern reichte und hielt einen Knüppel mit beiden Händen fest umklammert. Nur noch wenige Schritte trennten Argos von der Möglichkeit, eingreifen zu können. In seiner Vorstellung sah er Amadea bereits mit zerfetzter Kehle auf dem schlammigen Waldboden liegen, als sich die Bestie auf ihr Opfer stürzte. Das laute Knirschen, das er daraufhin vernahm, war allerdings nicht das Genick der jungen Frau, sondern der Knüppel, in den sich die blanken Zähne der Bestie vergraben hatten. Ohne zu zögern nutzte Argos die Gelegenheit und rammte dem Tier das verzauberte Kurzschwert in die Flanke und riss den schweren Leib zu Boden. Wild umschlungen kämpften die Beiden um ihr Leben. Zwei Gegner, die unterschiedlicher kaum sein konnten und sich in anderer Hinsicht doch so sehr ähnelten. Immer wieder durchbohrte seine Waffe das Fell der Wolfsbestie. Lautes Jaulen hallte durch die Nacht und Ströme von Blut flossen, als der schwere Kadaver der Bestie schließlich regungslos zusammensackte und Argos unter seiner tonnenschweren Last begrub.
Immer wieder spannte er seine Muskeln an und drückte erfolglos mit aller Kraft gegen das tote Tier. Von Panik ergriffen, reduzierten sich seine Gedanken langsam auf einen einzigen Instinkt - den Instinkt zu überleben. Sein Körper zuckte und verfiel in einen Krampfzustand, während sein Gesicht die Züge der ihm wohlbekannten Raubkatze annahm. Fünf lange, scharfe Krallen durchbrachen seine Fingerkuppen. Laut auffauchend ertrug er die Qualen der Verwandlung, um daraufhin mit seiner übermenschlichen Stärke den Kadaver von seiner Brust zu schieben. Instinktiv rollte er sich auf die Seite und brüllte seine Wut in die Schwärze der Nacht, als er drei oder vier weitere, blitzende Augenpaare ausmachte.
„Vorsicht", rief Amadea, die sich an die Seite des Katzenmenschen gestellt hatte. Immer noch hielt sie den angebrochenen Knüppel fest umklammert in ihren Händen. „Da sind noch mehr von den Biestern."
Argos nickte. „Zwei Stück hier bei uns. Und noch weitere auf dem Weg zur Kutsche", bestätigte er. Amadea hatte Schwierigkeiten ihn zu verstehen. So sehr verzehrte das Raubtier in ihm seine Stimme. Eine Mischung aus Knurren und Fauchen begleitete jedes seiner Worte.
„Bei den Göttern", rief Amadea erschrocken. „Endarion und die anderen! Wir müssen sie warnen."
Argos schüttelte bedächtig den Kopf, während er seine Gegner keine Sekunde aus den Augen ließ. „Es sind zu viele. Wir würden die Kutsche nicht lebendig erreichen", knurrte er.
„Aber warum greifen sie uns nicht an?"
„Sie schätzen ihre Lage ein und warten darauf, wie sich ihr Rudelführer verhält." Mit diesen Worten und ohne jegliche weitere Vorwarnung sprang der Katzenmensch mit einem Satz ins Gestrüpp und rammte beide Pranken in das Genick einer der Wolfsbestie. Argos hatte den Rudelführer anhand seiner enormen Größe erkannt. Eine graue Mähne zog sich durch das schwarze, verfilzte Fell des Wolfes über den Rücken bis hin zu seinem Schwanz. Schlamm spritzte und kleinere Bäume brachen in zwei, während sich die Bestie aufbäumte und wild umher sprang, um Argos abzuschütteln. Als sich Argos' Krallen in das dicke Fell des Wolfes bohrten, alarmierte lautes Aufheulen seine Artgenossen.
„Verdammte Biester, lasst ab von mir", rief Amadea erschrocken, als sich zwei Wölfe knurrend auf sie zu bewegten. Sie holte mit ihrer provisorischen Waffe so weit aus, wie sie konnte und schlug mit aller Härte zu. Das nur wenig beeindruckte Tier fletschte die Zähne und umkreiste mit seinem Artgenossen siegessicher sein Opfer.
Als Argos die Schreie der jungen Frau hörte sprang er von dem Rücken des Rudelführers und hastete ihr zu Hilfe. Ohne zu zögern, schob er sie hinter seinen Rücken. Er fuhr seine Krallen aus, während er sich schützend vor Amadea aufbaute. Wenn er sterben sollte, dann würde er das nicht alleine tun und wenn es das Schicksal so wollte, könnte er noch die Freundin des Magiers retten.
Mittlerweile hatten sich die beiden Wolfsbestien an den Flanken des Rudelführers aufgebaut. Ihre Nackenhaare waren aufgestellt, während sie laut knurrten und die Zähne fletschten. Argos passte den richtigen Augenblick ab und war im Begriff sich der Übermacht zu stellen, als er ein leises, entferntes Surren vernahm. Eine Sekunde später durchschnitten zwei aufeinander folgende Pfeile die Dunkelheit und trafen das große Tier in der Kehle...

...

Als der junge Magier das leise Schluchzen der kleinen Klara vernahm, ahnte er noch nicht, was geschehen war.
Er öffnete die Kutschentür und reichte dem Mädchen seine Hand, während sein Blick auf den leeren Platz auf der Bank fiel, an dem Amadea gesessen hatte, bevor er eingenickt war. „Bist du alleine da draußen gewesen?", fragte er das verstört wirkende Mädchen.
„Nein, eure Freundin hat meine Tochter begleitet", sagte die Mutter, setzte die Kleine auf ihren Schoß und wischte ihr die Tränen von den Wangen. „Was ist denn geschehen?", fragte sie besorgt das Mädchen.
Endarion sah besorgt aus dem Fenster, konnte Amadea aber nirgendwo entdecken. Als er aus der Kutsche auf den matschigen Waldboden sprang, war ein leises schmatzendes Geräusch zu hören. Ein schmutziger Nebel machte die Schwärze der Nacht nahezu undurchdringlich.
„Wolfsbestien", rief der Halbelf, der auf dem Dach der Kutsche kniete. Er sah zu dem Magier und winkte ihn heran. „Du solltest in der Nähe des Gefährts bleiben - Sie scheuen das Licht der Laternen!", riet er ihm, nahm seinen Bogen vom Rücken und legte Pfeil auf.
Das Letzte, das dem jungen Magier jetzt in den Sinn kam, war Amadea ihrem Schicksal zu überlassen.
Er atmete tief durch, versuchte seine Emotionen zu unterdrücken und schloss die Augen bis auf einen winzigen Schlitz, während er mit seinem rechten, ausgestreckten Zeigefinger auf die Flamme der Sturmlaterne zeigte. Als wolle er von weitem nach ihr fassen, ballte er langsam seine Hand zur Faust und sprach dabei die Formel: „Commotio Ignis". Nachdem das Glas der Laterne zersprungen war, tropfte das Öl auf den Boden und ging sofort in Flammen auf. Dann fügte der Magier seiner Formel das Wort „Circus" hinzu und begann sich einmal um seine Achse zu drehen, während ihm die Flamme auf dem schlammigen Boden zu gehorchen schien und einen Kreis aus loderndem Feuer um die Kutsche zog. Er hatte für die Insassen der Kutsche einen sicheren Platz geschaffen und hechtete los, um Amadea zur Hilfe zu eilen. Immer wieder surrten Geladrians Pfeile an seinem Kopf vorbei, als er auf halbem Weg von zwei Wolfsbestien eingekreist wurde. Schnell holte er sich die Zauberformel für einen Angriffszauber in den Kopf, doch bevor er in der Lage war, die Zauberformel zu vollenden, wurde er von zwei massigen Pfoten zu Boden gerissen und in den Schlamm gedrückt. Er biss die Zähne zusammen, als sich die Krallen in seine Haut bohrten und ihm kleine Rinnsale seines Blutes die Schultern hinab liefen. Endarion schlug um sich, versuchte gegen das Gewicht des Tieres anzukommen und geriet in Panik. So laut seine zusammengepresste Lunge es zuließ, rief er um Hilfe, als die beiden Bestien plötzlich von ihm abließen und im dichten Unterholz so schnell wieder verschwanden, wie sie gekommen waren.
Endarion röchelte und spuckte Blut, während er versuchte aufzustehen, als er eine bekannte, sanfte Stimme vernahm. „Warte, ich helfe dir." Amadea hielt ihm ihre Hand entgegen. Als sie mit Argos` Hilfe dem verletzten Magier zur Kutsche half, rief Geladrian, der immer noch auf vom Dach hockte: „Ihr solltet euch sputen. Ich fürchte die Biester werden nicht lange brauche, um einen neuen Rudelführer zu wählen."
Die Eltern des kleinen Mädchens halfen Amadea und Endarion in die Kutsche und schlossen dann zügig die Türen, nachdem auch der Halbelf wieder seinen Platz eingenommen hatte.
Der Kutscher befahl den Pferden mit einem Hieb seiner Peitsche loszutraben, als ein Ruck die Kutsch in Bewegung setzte.
„Na, du bist mir ja ein schöner Wachhund", tadelte der Halbelf den Vierbeiner, der das ganze Geschehen verschlafen hatte. Zur Begrüßung leckte der ihm einmal quer durch sein Gesicht und bellte ihn frech an, als wollte er sich gegen seine Vorwürfe verteidigen.
Der ältere Herr auf der anderen Bank nickte Endarion zu. „Ich danke euch und euren Freunden", sagte er. „Dafür, dass ihr unsere Tochter gerettet habt. Meine Frau und ich sind euch zu großem Dank verpflichtet."
Seine Ehefrau nickte zustimmend und hielt den Kopf der kleinen Karla, die mit zerzausten Haaren auf ihrem Schoß eingeschlafen war.
„Wenn ich mich und meine Familie einmal vorstellen dürfte. Das sind meine geliebte Gemahlin Alride und meine einzige Tochter Karla." Er setzte sich seinen Hut auf den Kopf, nur um ihn dann wieder anzuheben. „Mich haben meine Eltern Bardo genannt."
Endarion stellte sich und seine Gefährten kurz vor und musste die Zähne zusammenbeißen, als der Halbelf zerriebenen Kräuter auf seine Schulterwunden schmierte.
„Ich hoffe, Klara geht es gut", erkundigte sich Amadea besorgt. Sie machte sich große Vorwürfe, die Kleine alleine gelassen zu haben.
Alride antwortete bedächtig aber freundlich. „Macht euch keine Sorgen. Sie wird es verkraften. Und das haben wir nur euch zu verdanken. Hätte ich sie nach draußen begleitet, wäre das Ganze sicher nicht so glimpflich ausgegangen. Ihr habt wahre Tapferkeit bewiesen."
Amadeas Selbstvorwürfe verflogen augenblicklich und die lobenden Worte von Klaras Mutter zauberten ein strahlendes Leuchten in ihre wunderschönen Augen.
Endarion nickte zustimmend. „Da hat sie Recht."
Amadea fühlte etwas, das sie zuvor nur sehr selten verspürte hatte - Stolz. Der Magier musste abermals seine Zähne zusammenbeißen und gab ein leises Stöhnen von sich, als sich Amadea an seine Schulter schmiegte und bald einschlief.

 
Geister Der Vergangenheit
Textprobe 2v2
(erste Begegnung mit Amadea)
...
Endarion war empört. Er hatte sich nach einer Unterkunft für die Nacht erkundigt. Und wo war er gelandet? In einer Herberge, in der Frauen ihre Körper darboten, wie Trödler ihre Waren auf dem Jahrmarkt. Wütend schüttelte er seinen Kopf und war im Begriff das Etablissement zu verlassen, als sein Blick auf das Kanapee fiel, auf dem jetzt nur noch ein Mädchen saß. Zusammengekauert, wie ein verängstigtes Kind hatte sie sich in die äußerste Ecke gesetzt. Ihr dunkel blondes, lockiges Haar floß über ihre nackte Schultern entlang und endete erst an ihrem Gesäß. Sie hatte ihren Blick nach unten gerichtet - so als wolle sie die kleinen Kugeln in dem Muster des Teppichs zählen. Nur ein hauchdünnes Negligé bedeckte ihre formvollendete Figur und stellte mehr zur Schau, als es zu bedecken vermochte.
Im Gegensatz zu den anderen Frauen hatte sie scheinbar kein Interesse daran, sich auf den neuen Kunden zu stürzen.
Als Lathrida, die Herrin des Bordells ungeduldig schnaufte, hob sie zögernd ihren Kopf und rieb sich die Tränen aus dem Gesicht. Ihre knallrot bemalten Lippen bebten, als würde sie jeden Augenblick anfangen zu weinen und eine übertrieben dicke Schicht Schminke klebte auf ihren Wangen - das meiste davon verschmiert. Ein wunderschönes, aus Marmor gehauenes Gesicht, das von Banausen grob mit Farbe überpinselt wurde - das waren die Gedanken des jungen Magiers, als er zwischen dem Rouge zwei Augen entdeckte - grün wie Smaragde und ebenso tiefgründig. Ängstlich, wie ein scheues Reh, blickte sie erst zu Lathrida, dann zu den spöttisch grinsenden Weibern und schließlich zu dem jungen Magier. Endarion fühlte, wie sich warmer Schweiß auf seinen Handflächen bildete und ein wohliger, prickelnder Schauer über seinen Rücken lief. Während sich ihre Blicke trafen, schien für Endarion die Zeit still zu stehen - der Moment wurde zur Ewigkeit. Hätte es in seiner Macht gelegen, hätte er dafür gesorgt, dass dieser Augenblick niemals ein Ende finden würde. Doch Lathridas tiefe Stimme holte ihn brutal in die Realität zurück: „Wie ich sehe, hast du bereits deine Entscheidung getroffen", sagte sie mit einer übertriebenen Freundlichkeit.
Erst jetzt wurde Endarion bewusst, dass er das Mädchen die ganze Zeit über angestarrt hatte. Schnell wand er beschämt seinen Blick ab und wollte sich gerade für sein ungehöriges Benehmen entschuldigen, als ihm die dicke Frau ins Wort fiel. „Eine gute Wahl, dass muss ich dir schon lassen", gab sie zu, wand sich nach hinten und nahm einen Schlüssel von der Wand, während sie zu erklären begann: "Sie ist noch neu hier und was dich bestimmt interessiert: Sie ist noch unberührt. Was allerdings einen kleinen Aufschlag bedeutet, mein Süßer. Für dieses Zuckerstück musst du schon ein Goldstück springen lassen", erklärte sie mit einer kalten Selbstverständlichkeit, die Endarion fassungslos dastehen ließ und fügte dann noch hinzu. "Später kannst du sie dann für die Hälfte nehmen."
Unsicher, ob ihr neuer Kunde eine derart hohe Summe aufbringen konnte, machte sie eine Pause und legte sich ihr nächstes Angebot zurecht, als Endarion ohne zu zögern das Geld auf den Tresen legte. Er warf ihr einen verächtlichen Blick zu und entgegnete aufgebracht: „Ich denke, dass dieses Mädchen mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen ist. Keine dieser Frauen. Ich bin der Meinung…"
„Wie du meinst, mein Kleiner", unterbrach Lathrida seinen Einspruch ignorierend, als ihr Interesse auf die Eingangstür gelenkt wurde. Mehrere Personen betraten das Foyer, während ein eiskalter Luftzug durch den Raum wehte und selbst den schweren Kronleuchter zum schaukeln brachte. „Erster Stock, die vierte Tür auf der linken Seite. Ich wünsche euch eine angenehme Nacht...", sagte Lathrida und übergab ihm einen goldenen Schlüssel, um ihn daraufhin mit einer abwinkenden Gestik zum Gehen aufzufordern.
Endarion entschied sich auf einen weiteren Einwand zu verzichten. Er hatte die Wahl, sich entweder draußen im tobenden Wind und peitschenden Regen wieder auf die aussichtslose Suche nach einer Herberge zu begeben, oder aber die Nacht mit einem zauberhaften Mädchen in einem warmen Zimmer zu verbringen. Obwohl er nicht glücklich mit der Situation war, fiel ihm die Entscheidung nicht schwer. Er bot der jungen Frau seine Hand an, die er sich unfreiwillig als Bettgenossin ausgesucht hatte.
Zögernd legte sie ihre zarte, kleine Hand in die seine und Endarions Herz begann wild zu pochen, als sie ihn berührte.
Mit gemischten Gefühlen führte der junge Magier das Mädchen die Treppe hinauf. Auf den Stufen lagen kleine, runde Teppiche, jeder einzelne verziert mit filigranen Stickereien und goldenen Rändern. Zahlreiche, prachtvolle Gemälde, mit unterschiedlichen, erotischen Motiven schmückten die Wände und begleiteten die beiden bis in das Obergeschoss. Die Einrichtung dieses Etablissements stand im deutlichen Gegensatz zu dem, was er bisher von dieser heruntergekommenen Stadt gesehen hatte. Endarion brauchte nicht lange darüber nachzudenken, woher das Geld für diesen offensichtlichen Wohlstand kam. Das flackernde Licht der Öllampen, tauchte den Flur in ein unruhiges aber gemütliches Licht. Die untere Hälfte der Wände sowie der Boden waren mit einem roten Teppich belegt, während den Rest eine dezente, helle Tapete zierte. An jeder Tür war ein kleines Metallschild angeschraubt worden, auf dem in geschwungen Ziffern, fortlaufend eine Nummer eingraviert worden war.
Endarion quälte sein schlechtes Gewissen. Irgendwie hatte er das Gefühl dem Mädchen Unrecht anzutun. Er hatte ganz sicher nichts Unrechtes im Sinn, aber das konnte sie nicht wissen. Endarion schluckte den Kloß herunter, der in seinem Hals steckte und verscheuchte seine verworrenen Gedanken.
An der Tür angekommen, die ihm von der Bordellbesitzerin zugewiesen worden war, hielt er kurz inne und sah das Mädchen fragend an. Gerade als Endarion etwas sagen wollte, waren aus dem Raum gegenüber Geräusche wilder Liebesspiele zu hören. Erschrocken wirbelte die junge Frau herum und starrte schockiert auf die Tür, hinter der sich eine ihrer Mitarbeiterinnen gerade ihr Geld verdiente. Verzweiflung und Angst zeichneten ihr Gesicht und Endarion fühlte sein Herz rebellieren. Er konnte nicht mit ansehen, wie dieses wundervolle Geschöpf so sehr zu leiden hatte. Schnell öffnete er die Tür und betrat, dem Mädchen den Vortritt lassend, das Zimmer.
Ein goldener dreiarmiger Kronenleuchter hing über einem enorm breiten Himmelbett, dessen seidenes Bettzeug im Licht der zahlreichen Kerzen glänzte. Herzförmige Kissen lagen auf dem Kopfende und goldene Pferdeköpfe zierten die Bettpfosten.
Das Mädchen holte tief Luft und konnte dann ein leises Schluchzen nicht unterdrücken. Sie ahnte, was ihr jetzt bevorstehen würde.
„Wenn du dich setzen möchtest...", bot Endarion an, während er die Tür hinter sich schloss. Sie sah den Magier aus rot geriebenen Augen an und setzte sich zögernd auf die Bettkante.
Endarion dachte darüber nach, wie sich das Mädchen jetzt fühlen musste. Wieder kam in ihm diese unsagbare Wut auf. Eine Wut gegen die Gesellschaft, die zu so etwas fähig war. Er versuchte so behutsam, wie möglich seine nächsten Worte zu wählen.
„Bitte hab keine Angst vor mir."
Die junge Frau fasste nach einem der Kissen und umklammerte es, wie ein kleines Kind seinen Teddybären. Sie saß einfach da und konnte nicht aufhören zu weinen. Endarion wollte sie trösten, aber er wusste nicht, wie er es anstellen sollte. Diese junge, geschundene Frau saß dort und musste ihn für ihren ersten Freier halten, während sie ihr wunderschönes Gesicht in dem Kissen vergraben hatte, als wolle sie sich vor ihm verstecken.
„Mein Name ist Endarion", machte er den Anfang.
Das Mädchen schluchzte leise und schaute zu ihm auf.
„Ich möchte nicht, dass du weinst. Und schon gar nicht meinetwegen. Du nimmst jetzt sicher an, ich wäre einer von diesen Männern, die..." Endarion legte seine Stirn in Falten, setzte sich an ihre Seite und versuchte die richtigen Worte zu finden. „Das Letzte, was mir in den Sinn käme, wäre ein so zauberhaftes Mädchen, wie dich zu bedrängen. Bitte glaube mir, ich war nur auf der suche nach einer Schlafgelegenheit und ein warmes Essen."
Sie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und musterte ihn schüchtern, während sie Tränen aus den Augen blinzelte.
„Na ja. Und irgendwie bin ich dann hier gelandet", fügte er hinzu und legte seinen Umhang ab. „Mit dir."
„Ich... Ich heiße Amadea", sagte das Mädchen mit zitternder Stimme. Es war ihr sichtlich unangenehm, in dieser spärlichen Bekleidung vor ihm zu sitzen. Sie versuchte vergeblich die unverhüllten Stellen ihres Körpers zu verdecken. Erst jetzt realisierte er, wie verführerisch sie angezogen war. Ihre weiblichen Rundungen waren einfach vollkommen. Von ihren makellosen Beinen über ihren Po, der nur von knappen Höschen bedeckt war, bis hin zu ihren wohlgeformten Brüsten war ihr Körper so perfekt geformt, wie nur der einer Liebesgöttin es hätte sein können. Von plötzlichen Schamgefühlen errötet, kramte er eine kleine lederne Tasche unter seiner Robe hervor und legte sie neben sich auf das Bett. Interessiert beobachtete die junge Frau, wie der Magier einen zusammengefalteten Mantel zum Vorschein brachte. Dann zog er noch eine lederne Hose und eine Wolljacke aus der Tasche. Es folgten eine Panflöte, ein kompletter Satz Alchemistenwerkzeug und ein gutes Dutzend schwere Bücher. Amadea schaute verwirrt auf das voll bepackte Bett, als sie Endarion sagen hörte: „Das habe ich gesucht."
Mit immer noch geöffneter Kinnlade bestaunte Amadea die vielen Dinge und bevor sie fragen konnte, blickte Endarion zu ihr auf. „Die Tasche war ein Teil meiner Abschlussarbeit für die Magierakademie", erklärte er. Als er dem Mädchen das viel zu große Hemd um die nackten Schultern legte, konnte Endarion den Duft ihrer Haare riechen. Voll und ganz in ihren Bann gezogen fuhr er fort: „Damals war ich noch Adept. Ein auszubildender Magier sozusagen. Ich habe die Tasche so verzaubert, dass die Gegenstände, die man in ihr deponiert, in verschieden Dimensionen verstaut werden. Genug Platz also. Selbst für all die Dinge, die ein Magier auf Wanderschaft so mit sich trägt. Und das Beste ist, nur ich sehe die Dinge, die ich hineingelegt habe. Für jeden anderen scheint die Tasche absolut leer zu sein."
Amadea knöpfte sich das Hemd zu, das ihr bis zu den Knien hing und sagte mit leiser, fast flüsternder Stimme: „Vielen Dank Endarion, der Magier."
Als er an jenem Tag dieses zauberhafte Mädchen das erste Mal lächeln sah, überkam Endarion eine Zufriedenheit, die er niemals zuvor verspürt hatte. Er strich ihr mit dem Zeigefinger vorsichtig die letzten Tränen aus dem Gesicht und redete weiter: „Heute Morgen bin ich aufgebrochen um diese Welt zu erkunden und jetzt sitze ich hier mit dem schönsten Mädchen der gesamten Hemisphäre. Nur einmal dein Lächeln gesehen zu haben rechtfertigt alle Mühen meiner Reise oder was auch immer noch vor mir liegen mag."
Amadea sah ihn verlegen an und fragte dann: „Und als erstes Reiseziel hast du dir unsere Stadt ausgesucht?"
Er nickte. „Mir ist wohl schon aufgefallen, dass die Bürger dieser Stadt nicht viel von Moral und Anstand halten. Ich bin dem Rat eines Freundes gefolgt, als ich mich auf den Weg hierhin gemacht habe."
Amadea setzte sich im Schneidersitz auf das Bett. Von ihrer Verzweiflung, die sie vor einigen Minuten noch so sehr gepeinigt hatte, war jetzt nicht mehr, als die dunklen Augenränder zu sehen. „Erzähl mir etwas von der Akademie", bat sie ihn.
„Meine Eltern haben mich als kleines Kind auf die Akademie geschickt. Seit ich denken kann, war die Schule mein Zuhause." Endarion hatte sich ausgestreckt auf seine Seite des Bettes gelegt.
„Du hast also niemals deine Eltern kennen gelernt?", fragte Amadea interessiert.
„Ich kann mich nur noch schemenhaft an sie erinnern. Die Verantwortlichen der Akademie hatten mir jede Auskunft über sie verweigert." Endarion drehte sich auf die Seite, sah Amadea in ihre leuchtenden Augen und fragte: „Warum arbeitest du hier? Ich kann nicht glauben, dass du das aus freiem Willen tust."
Sie schüttelte heftig den Kopf. „Ganz gewiss habe ich mir das nicht ausgesucht. Auch ich bin ohne meine leiblichen Eltern aufgewachsen." Ihre Stimme wurde etwas leiser und sie spielte gedankenverloren an ihrem goldenen Amulett herum, welches sie um ihren Hals trug. Das runde Schmuckstück zeigte einen geflügelten Dämon und einen Engel, welche sich um einen kreisförmigen Kristall schlängelten, der den jungen Magier an einen winzigen Planeten erinnerte.
„Mein Ziehvater hat sich um mich gekümmert. Als unsere letzte Ernte durch ein Unwetter schlecht ausgefallen war, hat er mich kurzerhand an die schreckliche Lathrida verkauft. Er habe ja noch genug eigene Kinder, deren Mäuler er zu stopfen habe, hatte er mir gesagt und mich für ein Goldstück abgegeben ohne sich von mir zu verabschieden."
Endarion setzte sich auf, „Das tut mir leid. Was ist mit deinen richtigen Eltern geschehen?"
„Ich weiß es nicht. Mein Ziehvater hat mir einmal gesagt, meine Mutter sei bei meiner Geburt gestorben und mein Vater wäre als Verbrecher im Verlies von Akaran verrottet."
Endarion schaute an die Decke des Himmelbettes. „Irgendwie sieht dein Kopf aus, wie eine Melone", lachte er. Verwirrt sah sie ihn an. Der Magier deutete auf den großen Spiegel, der über den Beiden hing. Er war etwas nach unten gebogen und gab nur ein verzerrtes Bild zurück. Sie lächelte und stach ihm neckisch den Zeigefinger in die Seite. „Du siehst aber auch nicht besser aus"
„Autsch", rief er laut. „Das kann böse ins Auge gehen!"
„Ach meinst du?" Erbarmungslos stach sie noch einmal zu.
„Nun gut, was jetzt kommt, hast du dir selbst zuzuschreiben." Endarion griff nach einem der herzförmigen Kissen und schlug zu. Mit zur Verteidigung erhobenen Händen stürzte sie sich auf den jungen Magier.
Lachend rollten sie sich über das Himmelbett und genossen die ausgelassene Stimmung.
„Also gut, ich ergebe mich", schnaufte Endarion nach Luft ringend. Amadea saß über ihn gebeugt, ein zerfleddertes Kissen in beiden Händen haltend und bereit ihm den Todesstoß zu versetzen. Einige Federn vielen aus dem Kissen und schwebten langsam auf Endarion herab. Die Haare des Mädchens hingen in wilden Strähnen vor ihrem Gesicht. Endarions Lungen ließen seinen Brustkorb in schnellen Stößen auf und ab bewegen. Er konnte Amadeas Herz laut klopfen hören und ihre warme Haut auf seinem Körper spüren. Der Zauber dieser Frau schien ihm in diesem Augenblick stärker als alle Magie dieser Welt.
„Hmm. Nun gut, dann will ich noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen", sagte sie mit gespielt ernster Mine und ließ sich neben ihm aufs Bett fallen.
Endarion stand auf und zog sich seine Robe über den Kopf. „Puh. Warum müssen diese Magierroben immer so heiß sein?", schimpfte er. An dem Gürtel, der seine Lederhose hielt, hatte er viele verschieden Beutel, Taschen und andere Behälter befestigt. Einige Zauberformeln benötigten verschiedene Utensilien, welche er immer griffbereit unter seiner Robe trug. Endarion ging hinüber zum Fenster, öffnete es und stützte sich dann mit beiden Händen auf das Fensterbrett. Er genoss den kühlen Luftzug, der seinen erhitzten Körper umspielte. Der Nebel war einem leichten Nieselregen gewichen. Die wenige Laternen, in denen eine Flamme brannte, erhellten die Gasse nur spärlich. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite konnte Endarion einen kleinen Laden erkennen. In einem Bogen stand auf der Fensterscheibe in großen Buchstaben „Reisebedarf" geschrieben. Als er Amadeas Atem in seinem Nacken spürte und merkte, wie sich ihre Arme um sein Bruste schlossen, sagte er mit entschlossener Stimme: „Wir können durch das Fenster verschwinden. Dann sind wir morgen früh schon auf einem Schiff und segeln irgendwo hin, wo uns niemand kennt."
Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter und sagte mit einer beinah engelsgleichen Stimme: „Vor ein paar Tagen hat ein Kunde nicht bezahlen wollen. Dem haben sie beide Arme gebrochen. Ich will nicht einmal daran denken, was sie mit dir anstellen werden, wenn sie uns erwischen."
Endarion überlegte kurz. „Nun gut. Dann werde ich morgen Lathrida anbieten, dich freizukaufen. Falls sie auf mein Angebot nicht eingehen sollte, kann ich sie immer noch in ein Wildschwein verwandeln. Ich werde dich jedenfalls nicht deinem Schicksal überlassen", antwortete er.
Sie schmiegte sich noch näher an ihn.
„Warum tust du das alles für mich? Du kennst mich doch kaum."
„Als ich dich das erste Mal gesehen habe, war mir klar, dass du nicht hierhin gehörst. Der bloße Gedanke daran, dich im Stich zu lassen zerreißt mir mein Herz."
Endarion schaute in den klaren Sternenhimmel. Die beiden Monde standen hoch am Firmament. Der etwas kleinere folgte seinem großen Bruder auf deren immer wiederkehrenden Reise um den Planeten.
„Ich danke dir von ganzem Herzen Endarion. In dieser Hölle hätte ich es keinen Tag länger ausgehalten. Ich weiß nicht, wie ich das je wieder gut machen soll."
„Das hast du schon Amadea. Das hast du schon." Er umschloss ihre Hände mit den seinen und streichelte sie zärtlich. Sie standen noch eine lange Zeit, Arm in Arm, am Fenster, von den Monden in ein sanftes Licht getaucht. Endarion wünschte sich, dass dieser Traum nie ein Ende nehmen würde, ohne zu ahnen, dass Amadea dieses Gefühl, von ganzem Herzen, mit ihm teilte.
Manuskript von
Markus und Thorsten Pache

Ulmenweg 15 - 37688 Beverungen