Expedition in den Amazonas

(Thorsten Pache 4. April 2003)



Ich legte meinen Kopf in den Nacken und kniff meine Augen zusammen, um nicht von der Sonne geblendet zu werden. Lange, schlanke Baumstämme trugen ihre dicht bewachsenen Kronen bis in die Wolken und sorgten für eine stetige und drückende Hitze unter diesem mehr grünen, als blauen Himmel. Die schwüle Luft kroch unablässig unter unsere Ausrüstung und ließ die Kleidung klamm und schwer von unseren Körpern hängen.
Ich wischte mir mit dem Ärmel meines Hemdes den Schweiß von der Stirn und erschlug eine Stechmücke nach der nächsten, während ich die Umgebung nicht aus den Augen ließ. Fremdartige Vogelstimmen begleiteten unsere kleine Gruppe so ständig wie das Summen dieser verdammten Moskitos. Nach dem unsere Träger nach dem letzten Sonnenaufgang spurlos verschwunden waren, gab es nur noch Markus und mich. Zwei Stadtmenschen aus Europa - Deutschland. Obwohl es nicht mein erster Trip in diese unwirtliche Welt Südamerikas war, hatte ich immer noch mit den Auswirkungen des Klimas zu kämpfen. Natürlich ließ ich mir das nicht anmerken und es konnte mich auch nicht davon abhalten meine mir selbst auferlegte Mission zu vollenden.
Ein leises, kaum hörbares Geräusch holte mich aus den Gedanken und erregte meine volle Aufmerksamkeit. Nicht weit entfernt im Gebüsch.
Da war jemand oder - etwas.
Während ich nach meinem Jagdgewähr tastete, ließ ich das dichte Unterholz nicht aus den Augen. Mein Herz schlug mit bis in die Kehle, als sich die anmutige Silhouette einer Raubkatze aus der Dunkelheit schälte. Fast perfekt getarnt, aber eben nur - fast.
Das schwarze Fell schimmerte blau im Schein der untergehenden Sonne und ein rotes Halsband aus Stoff lag um den muskulösen Hals des Tieres, das sprungbereit im Schutz des Dickichts hockte. Es schien auf den richtigen Moment zu warten, um sich auf mich zu stürzen.
Der Panther hätte mich sicher mit Leichtigkeit niedergestreckt und für ein oder zwei Tage seinen Hunger an mir stillen können. Doch ich hatte andere Pläne für den Abend. Mit einem klickenden Geräusch entsicherte ich meine Waffe und legte zum Schuß an. Einen Augenblick hielt ich den Atem an, um korrekt zielen zu können. Dann drückte ich ab - einem ohrenbetäubenden Knall und einem wütenden Fauchen folgte eine bedrückende Stille.
Ich trat das Gestrüpp beiseite, in dem gerade noch das Raubtier gelauert hatte und spuckte wütend meinen Kautabak auf den Boden.
Nichts! Nur ein paar abgebrochene Äste.
Ich hatte ihn verfehlt.
Verdammt!
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon geahnt, dass dieser Kampf noch nicht ausgefochten war und ich dieser Bestie mit Sicherheit noch einmal begegnen würde.
„Du solltest vielleicht noch etwas an deiner Schießkunst feilen. Aber beim nächsten Mal klappt' s sicher", hörte ich Markus lachen, der mir aufmunternd auf die Schulter schlug.
„An mangelnder Treffsicherheit liegt es nicht", antwortete ich und schüttelte nachdenklich den Kopf. „Es ist nur - irgendwie scheint diese Bestie schneller zu sein, als meine Kugeln."
Markus war nicht nur unser Führer, der uns heil durch die grüne Hölle des Amazonas bringen sollte. Er war auch mein Bruder. Ich wusste nicht, ob es an der Begegnung mit dem Panther lag, aber ich konnte beinahe fühlen, dass wir unserem Ziel sehr nahe waren.
„Ich bin mir sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind", hörte ich die Stimme meines Bruders, der meine Gedanken gelesen zu haben schien.
„Das hoffe ich für dich", sagte ich ernst und faltete die Karte aus, die wir ein paar Tage zuvor einem Einheimischen abgenommen hatten. Ein schwarzes Kreuz markierte die Stelle, an dem der Fundort liegen sollte. Ich hatte keine Ahnung wo wir uns befanden, vertraute aber fraglos dem Orientierungssinn meines Bruders. „Uns geht bald der Proviant aus", erwähnte ich beiläufig, während ich in eine der zahlreichen Taschen meiner Abenteurerweste griff und einen Schokoriegel zum Vorschein brachte. Wir waren schon seit früher Morgenstunde auf den Beinen und hofften noch vor Anbruch der Dunkelheit die Ausgrabungsstätten zu erreichen. Wir wollten nicht noch ein Mal mit leeren Händen nach Hause zurückkehren.
„Wir sind bald da", wiederholte Markus selbstsicher, mehr zu sich selbst und blickte zufrieden, während er einen Busch zur Seite trat. "Vielleicht sogar früher, als wir beide gedacht haben", rief er erfreut und wies mit ausgestrecktem Zeigefinger auf ein großes Bauwerk vor dem zwei imposante Behälter aufgebaut worden waren. Überall wuchsen exotische Blumen und Pflanzen und ein kleiner, scheinbar vor Jahrhunderten ausgehobener Teich glitzerte im Schein der untergehenden Sonne. Die beiden dunkelblauen Konstruktionen waren gut zwei Mal so hoch wie ich und mit seltsamen, unbekannten Symbolen beschriftet worden. Sie standen dicht neben dem Gebäude, welches ich damals noch für einen Tempel der Ureinwohner gehalten hatte und aus einem Material, das mir vollkommen unbekannt war.
„Was mögen die Menschen einst darin aufbewahrt haben?", fragte ich meinen Bruder, der mir kurzerhand eine Räuberleiter machte und antwortete: „Finden wir es eben heraus."
Eine dunkle Brühe war alles was ich erkennen konnte, als ich über den dünnen Rand der Tonne blickte. Nur, kam mir die Wasseroberfläche irgendwie seltsam vor. Ich hätte schwören können, dass sie sich in ständiger Bewegung befand. Obwohl nicht der geringste Windzug zu spüren war. Als ich versuchte näher an das Geschehen heranzukommen und mich etwas nach vorne beugte, erfuhr ich den Grund dafür. Und zwar auf schockierende Art und Weise. Hunderte oder gar Tausende von Insekten erhoben sich aus dem Gefäß und flogen auf mich zu. Erschrocken wich ich zurück und konnte mich erst in letzter Sekunde am Rand des Behälters festhalten, der verdächtig ins Schwanken kam. Kurz bevor er zu Boden ging, sprang ich ab und brachte mich in Sicherheit. Ein lauter, ohrenbetäubender Schlag und eine wahre Flut von braunem Wasser floss nur wenige Meter an mir vorbei und hätte mich fast mitgerissen.
Mein Herz pochte vor Aufregung. Nur knapp war ich an jenem Tage dem Tode entronnen. Als ich mich wieder gefaßt hatte, wurde mir klar, was ich zu Tage gebracht hatte, als das Gefäß zu Boden gegangen war. Nicht nur die Insekten hatten dieses Konstrukt als Lebensraum genutzt. Überall da, wo sich die Flüssigkeit ihren Weg über den trockenen Boden gesucht hatte, da zappelten Millionen von wurmartiger Lebewesen. Sie wanden sich vor Qualen und schienen ohne dem lebenspendenden Nass dem Tode geweiht zu sein.
„Verdammt, was tust du?", rief mein Bruder, während er mir helfend eine Hand entgegen hielt. „Seit Jahrhunderten haben diese Bauwerke überstanden und du zerstörst sie, kaum dass wir sie entdeckt haben!"
„Nun reg' dich ab, Bruder! Es ist ja nichts passiert", gab ich zurück und klopfte mir den Schmutz von meiner knielangen, roten Hose. „Es steht ja schließlich noch Einer und es war sicher im Sinne der Wissenschaft herauszufinden, was sich im Inneren des Konstruktes befand", versuchte ich mich rauszureden und schlug dann vor, uns wieder auf den Weg zu machen.
Wenig später hatten wir uns den Weg durch den Busch geschlagen und endlich unser eigentliches Ziel erreicht. Ich legte meinen überladenen Rucksack ab und kramte eine Schaufel hervor. Mit aller Kraft rammte ich sie in den weichen Boden.
„Endlich", rief ich. „Nun ist es soweit! Ich bin ja so aufgeregt, was wir heute zu Tage befördern werden."
Mein Bruder tat es mir gleich und blickte einen Moment ehrfürchtig auf das Erdreich, bevor er zu Graben begann. „Was auch immer hier, unter der Erde verborgen sein mag, es ist Tausende von Jahren alt. Hoffentlich werden wir dieses Mal fündig", murmelte er während seine Schaufel auf etwas Hartes traf. „Ich glaube da ist etwas", rief er freudig und kniete sich auf den Boden und schaufelte vorsichtig mit seinen Händen das Artefakt frei. Langsam war die rote Farbe des runden Objektes zu erkennen. Mit dem Ärmel seines Pullovers rubbelte er die letzte Schmutzschicht beiseite.
„Co...", begann ich die uralten weißen Schriftzeichen zu übersetzen, „Coka Cola". Stolz hob er das Fundstück in die Luft, als eine laute Stimme die trügerische Stille brach.
„Was stellt ihr denn jetzt schon wieder an?", rief eine Frauenstimme. Meine Mutter stand auf dem Balkon und hatte uns wohl schon eine Weile beobachtet, wie wir mit unsere Schaufeln in dem Komposthaufen wühlten, der am Gartenzaun stand und nicht selten von Nachbarn zur abendlichen Dosenentsorgung genutzt worden war. Als ihr Blick auf das Gartenhaus fiel wurde ihre Stimme lauter. „Und die Regentonne habt ihr auch schon wieder umgeworfen. Wenn das euer Vater mitbekommt, dann gibt es mächtigen Ärger", schrie sie wütend und hängte eine weitere Socke an den Kleiderständer. Mein vier Jahre alter Bruder ließ seine Sandkastenschaufel fallen und begann zu weinen, während ich, gerade ein Mal eineinhalb Jahre älter, in Gedanken schon unsere nächste Expedition plante - auf den verfluchten Dachboden, da sollte sich ein Monster herumtreiben. So hieß es jedenfalls in den alten Legenden...