Markus & Thorsten Pache

 

Das Unentdeckte Reich

Ein Roman aus dem Reich Hibernia
Kapitel I

 (Ahnungslos)

 

 

D

ie Beine des kleinen Lurikeens versanken bis zu den Knien in hohem, saftigem Gras, dessen Halme, bei jedem seiner Schritte sanft gegen seine Hosenbeine schlugen und Tropfen des angesammelten Morgentaus in sein Gesicht spritzten. Die Sonne war gerade erst aufgegangen und tauchte die Landschaft in ihr goldenes Licht. Lognah, wie der Lurikeen von seinen Eltern genannt wurde, legte seinen Kopf in den Nacken und beobachtete die Schäfchenwolken, die wie weiße Farbtupfen auf den strahlend blauen Himmel gemalt worden waren. Er atmete tief die kühle Morgenluft ein und schloss seine Augen. Wie es ihm beigebracht worden war, versuchte er sich mental auf die bevorstehende Schlacht vorzubereiten. Tief durch die Nase einatmen – entspannen – langsam die verbrauchte Luft durch den Mund ausatmen – entspannen – durch die Nase einatmen…

Frohen Mutes öffnete er seine Augen und betrachtete die große Wiese, die er sich ausgesucht hatte, um einige der bösartigen Feen zu erlegen, die zu dieser Jahreszeit die Apfelernte bedrohten. In dem Dorf, aus dem der Lurikeen und seine acht Kopf große Familie stammte, wurde daraus eine Art Volksfest gemacht. Jedes Jahr veranstaltete man diesen Fang-die-Feen-Wettbewerb, um einerseits die Feenplage in Schach zu halten und um – was Lurikeens einfach zu gerne taten – sich mal wieder mit allen Arten von Hochprozentigem vollaufen zu lassen. Lognah war kaum einen Schritt hoch und konnte sich in gebückter Haltung ohne Schwierigkeiten in dem hohen Gras verbergen. Er atmete so leise er konnte um keinen Laut von sich zu geben und erstarrte zur Salzsäule, um Ausschau nach seiner Beute zu halten. Nur sein flacher Atem und gelegentliches Zwitschern entfernter Vögel war zu hören.

Seine Gedanken voll und ganz auf die Jagd konzentriert, beobachtete er seine Umgebung mit Adleraugen und zuckte kurz zusammen, als er ganz in der Nähe ein Geräusch vernahm. Halme bewegten sich, aufgeschreckte Insekten sprangen davon – jetzt musste er auf alles gefasst sein. Gerade wollte er losstürmen, als aus dem Gras eine spitze Schnauze hervorlugte und schnupperte. Dann folgten zwei runde, schwarze Knopfaugen und schauten den Jäger erschrocken an. Lognah entspannte sich wieder, seufzte vor Enttäuschung auf und sah dem kleinen Dachs nach, der auf der Stelle kehrt machte und wieder im Dickicht verschwand. Nur wenig entmutigt nahm er wieder seine Position ein. Eine Schar Vögel landete auf einem Baum in der Nähe und begrüßten den neuen Tag mit ihren Gesängen. Das Gefieder der Singvögel leuchtete in allen Farben des Regenbogens und schwarz glänzende Muster zierten ihre langen Schwanzfedern. Ein Nachzügler landete direkt auf der Schulter des Lurikeens, der wieder regungslos im Gras hockte. Er war sich sicher, als Vogelscheuche war er jedenfalls gänzlich ungeeignet. Lognah wartete geduldig auf seine Chance.

Minuten vergingen.

Aus Minuten wurden Stunden...

 

Die Sonne stand mittlerweile hoch im Zenit und brachte den Lurikeen arg ins Schwitzen. Lognah hatte letzten Monat sein dreiunddreißigstes Lebensjahr vollendet und war somit, nach Lurikeen Maßstäben, noch nicht einmal erwachsen. Er hatte, um sich herauszuputzen, seine Lederrüstung übergezogen, unter der sich die warme Luft noch mehr staute. Schweißperlen liefen ihm an seiner Glatze bis zum Kinn hinunter. Nur an den Seiten bedeckte weißes Haar seinen Kopf. Ein Mensch hätte ihn deshalb wahrscheinlich für sehr alt gehalten, aber sein junges, vor Ehrgeiz trotzig dreinschauendes Gesicht zeigte, dass er für einen Lurikeen noch sehr jung war. Er fragte sich, ob er dieses Mal einen besseren Platz erringen würde. Letztes Jahr war er auf dem Dreizehnten gelandet und da es kaum mehr als ein Dutzend Mitstreiter in diesem Wettkampf gab, war ihm damit nicht gerade der Ruhm und die Anerkennung sicher, die er verdient hatte. Seiner Meinung nach, jedenfalls. Die Wenigen, welche die Plätze damals unter ihm belegten, waren in eine Großfamilie Riesendachse geraten und hatten daraufhin die nächsten vier Wochen in Gipsverbänden liegend, im Bett verbringen müssen. Völlig in Gedanken versunken, übersah er fast die kleine Fee, die auf ihn zugeflogen kam. Aus weiter Entfernung hätte man diese hübschen Schmetterlinge für friedvolle Wesen halten können. Als sie den Lurikeen erblickte, flog sie einen Bogen und bewegte sich schneller auf Lognah zu, als ihm lieb war. Erst jetzt erkannte man die hässliche Fratze, mit weit aufgerissenem Maul, vollgespickt mit langen, scharfen Zähnen. Eigentlich, nach menschlichen Maßstäben nur handtellergroß, stellte sie für Lurikeens eine echte Gefahr dar. Schnell zog er sein kleines Schwert aus der Scheide und hielt es schützend vor sich vor seinen Hals, den das Biest zielstrebig angeflogen hatte. Die Fee flog einen großen Bogen um seine Waffe und versuchte einen erneuten Angriff von der Seite. Blitzschnell reagierend, zischte das zweite Kurzschwert, welches er in der anderen Hand hielt, durch die Luft, verfehlte aber sein Ziel und vergrub sich in dem Stumpf eines Baumes. Den Patzer nutzend biss sich die Fee in seinem Unterschenkel fest und gab ein knurrendes Geräusch von sich. Laut aufschreiend, ließ er sein Kurzschwert los und kämpfte gegen den anstehenden Ohnmachtsanfall an. Er torkelte einige Schritte, bis er sich wieder gefangen. Er musste sich etwas einfallen lassen. Schon bald würde die Fee genügend, ihres lähmenden Giftes in seinen Körper geflößt haben, um ihn Kampfunfähig zu machen. Er schüttelte seinen Kopf und schlug mit dem Knauf seines Schwertes nach der Fee, die sich daraufhin nur noch fester in sein Bein biss. Jede seiner Bewegung schien ihm schwerer zu fallen und er merkte, wie das Gift seine Wirkung freisetzte, als sein Blick auf einen nahe stehenden Baum fiel. Er holte weit aus und schlug den Kopf des Biestes feste gegen das harte Holz, der Eiche. Mit einem hohen Schrei viel die Fee zu Boden und zuckte noch ein Paar Mal.

Lognah atmete erleichtert auf, lehnte sich and den Baumstamm und ließ sich erschöpft nach unten rutschen. Das war seine Erste, für heute und fast auch seine Letzte gewesen.

„Na ja“, dachte er sich, „auf hart erarbeitete Beute ist man immer besonders stolz. Und gute Geschichten kann man darüber auch erzählen.“ Um seinen Schmerz zu betäuben, kramte er eine kleine, aus Ton gefertigte, Flasche hervor. „Honiglikör“ stand auf einem vergilbten Etikett geschrieben. Mit einem PLOP, zog er den Korken aus dem Flaschenhals und nahm einen kräftigen Schluck und dann noch einen – oder zwei. Anschließend biss er die Zähne zusammen und verband sich sorgfältig die Wunde. Von seinen Medikamenten leicht angetrunken, wurden seine Augenlieder schwer und sein Bild vor Augen begann zu verschwimmen. Einen Augenblick später war nur noch das laute, zufriedene Scharchen des kleinen Mannes zu hören, der im tiefen Schlaf seine Jagd auf die Feen fortsetzte.

           

            Der Lurikeen prustete und schüttelte benebelt den Kopf, als er unter dem Baum liegend, seinen Rausch ausgeschlafen hatte. Er schmatzte ein paar Mal und nahm dann noch einen Schluck aus der Flasche, um den lauen Geschmack aus seinem Mund zu vertreiben. Er klopfte sich den Schmutz von seiner Kleidung und machte sich frohen Mutes auf, seine Jagd fortzusetzen. Seinen Beutel über die Schulter geworfen, lief er querfeldein, auf den nahen Wald zu. Während des anstrengenden, zwei oder drei Stunden andauernden, Waldmarsches begegneten ihm zahlreiche Tiere. Faszinierende Wesen, welche die Wälder, seines Heimatlandes bevölkerten. Nur die Feen schienen sich vor dem kleinen Lurikeen in Sicherheit gebracht zu haben.

Die brennende Hitze war mittlerweile einer warmen Abendbrise gewichen und die letzten paar Sonnenstrahlen, die noch die hohen Baumwipfel durchbrachen, tauchten die Umgebung in ein wunderschönes Abendrot.

Er verschnaufte einen Moment und schüttelte betrübt den Kopf. Er würde sicherlich letzter werden, dachte er sich - sofern nicht wieder jemand frühzeitig ausschied. Eine Eidechse hatte es sich neben dem kleinen Lurikeen gemütlich gemacht. Die meisten Tiere in Hibernia lebten in Einklang mit den Lurikeens und zeigten ihnen Gegenüber daher auch keine Furcht. Das grüngeschuppte Tier ließ sich selbst von Selbstgesprächen des enttäuschten kleinen Mannes nicht verjagen. Lognah blickte in seinen Beutel und beäugte seine kärgliche Ausbeute. Noch einmal schnaufte er deprimiert, und stocherte gelangweilt mit dem Stock seines Fangnetzes in dem Boden herum, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Bei genauerem Hinsehen, konnte er zwischen dem Geäst, eines Busches zwei kleine Schmetterlingsflügel erkennen.

„Lab dich ruhig an deiner letzten Mahlzeit, kleines Biest“, dachte er und legte ein böses Grinsen auf. „Du entkommst mir nicht!“

Mit einem einzigen Sprung überwand Lognah die Entfernung zu seiner Beute, und einen Atemzug später hatte er das kleine Monster in seinem Netz. Es zappelte und versuchte sich mit seinen scharfen Zähnen freizubeißen. Der Lurikeen wollte gerade zum Schlag mit dem Knauf seines Säbels ausholen, als eine rote glibberige Zunge dem Lurikeen, seine Beute aus den Händen riss. Die meterlange Zunge der Eidechse zog in sekundenschnelle die kleine Fee zu sich heran, um sie dann mit einem Schluck samt Fangnetz zu verschlingen. Ungläubig und mit weit geöffnetem Mund schaute er Geschehen zu, bis das schuppige Wesen den Stiel des Fangnetzes, mit einem lauten Rülpser, wieder ausspuckte.

Sichtlich verärgert, hob Lognah einen Stein vom Boden auf und warf ihn nach dem vollgefressenen Tier, das sich unbeeindruckt nach ihm umsah und daraufhin im Unterholz verschwand.

Er grummelte noch etwas vor sich hin und packte seine Sachen zusammen, um sich auf den Weg, nach hause zu machen. Er warf seinen fast leeren Beutel über die Schulter und sah sich nachdenklich um. Obwohl Lurikeens im Dunkeln recht gut sehen konnten und auch einen ausgeprägten Orientierungssinn besaßen, musste er sich eingestehen, dass er sich verlaufen hatte. Die hohen, dicht gewachsenen Baumwipfel versperrten ihm die Sicht auf die Sterne und um seinen Weg wieder zu finden, musste er eine Lichtung finden. Er schloss die Augen und drehte sich ein paar Mal um sich selbst, um sich eine Richtung auszusuchen. Dann machte er sich auf den Weg.

 

            Ein ungewöhnliches, flackerndes Licht erregte die Aufmerksamkeit des Lurikeens, dessen Füße, vom langen Marsch durch den Wald, schmerzten. Er wand sich durch ein dichtes Buschwerk und erklomm einen kleinen Hügel, als er ein leises Lob an die Götter aussprach. Er hatte Glück, es war tatsächlich das helle Licht des Mondes, welches ihn hier hergelockt hatte. Einige eigentümlich aussehende Wesen tummelten sich in einem Schlammloch, das den größten Teil der Lichtung einnahm. Zuerst dachte Lognah auf Ameisenbären gestoßen zu sein, aber bei näherem Hinsehen erkannte er, dass die dicken Körper dieser Wesen von einer sehr dünnen, fast transparenten Haut überzogen war, welche die Umrisse, deren Innereien erahnen ließ. Wie Glühwürmchen leuchteten ihre Körper in einem blauen pulsierenden Licht. Glühbären taufte er diese ihm gänzlich unbekannten Wesen. Einer der Glühbären stand etwas abseits von seiner Gruppe und schien von mehreren Feen angegriffen zu werden. Wie Aasgeier kreisten die gut zwei Dutzend Biester um das scheinbar wehrlose Wesen. Immer wieder setzten sie zu Attacken an, um ihrem Opfer eine kleine Dosis ihres Giftes zu verpassen, während vier kurze Beine eifrig versuchten davonzukommen. Übersäht von seinen Angreifern, war kaum mehr als der Rüssel des Tieres zu sehen, der qualvolle Geräusche ausstieß. Plötzlich blähte sich der runde Leib des Wesens auf. Er wuchs nach und nach fast zur doppelten Größe heran, die er ursprünglich besaß. Es war schon ein obskurer Anblick, als das Tier, wie ein Ballon jeden Moment abzuheben schien. Dann hörte Lognah ein leises Zischen und sah, wie aus einer kleinen Öffnung an der Oberseite des rundlichen Leibes, ein grünes Gas entwich, welches sofort die Feen einhüllte. Sie husteten und schrieen so schrill, dass er sich die Ohren zuhalten musste. Beunruhigend schnell breitete sich das vermeintliche Gift in seine Richtung aus. Schnellen Schrittes flüchtete der Lurikeen auf einen nahe gelegenen Baum und kletterte so hoch er konnte. Die halbe Lichtung, inklusive dem Baum auf den er geflüchtet war, war mittlerweile eingenebelt. Dann plötzlich wurde es Still. Das Geschrei der Feen hatte aufgehört. Kein Zwitschern der Vögel, noch nicht einmal das Surren von Insekten war zu hören, bis sich ganz langsam die Giftwolke wieder auflöste, während Lognah in Sicherheit auf dem Baum verweilte. Der nur leicht angeschlagene Glühbär trotte derweilen zu seinen Artgenossen zurück, einen Haufen verendeter Feen hinterlassend. Als Lognah ganz sicher war, dass sich die Wolke gänzlich verflüchtigt hatte, sprang er vom Baum und rannte auf seine geschenkte Beute zu. Das Fest würde bald anfangen. Schnell sammelte er alles auf, was nach Fee aussah und machte sich auf den Weg zurück nach Hause. Anhand der Sterne war es jetzt ein Leichtes für ihn die Orientierung zurückzugewinnen. Der Beutel, den er hinter sich herzog, war jetzt schwer gefüllt und hinterließ eine Spur in dem Waldboden. Er summte zufrieden ein Loblied an die Götter und malte sich aus, wie er an diesem Abend gefeiert werden würde.

            Es war schon spät als Lognah endlich in dem Lurikeendorf eintraf. Die meisten Häuser der Lurikeens waren in riesige Pilze gearbeitet worden und standen kreisförmig um den Marktplatz herum, in dessen Mitte ein Ziehbrunnen die Bewohner mit Wasser versorgte. Viele kleine Lurikeens wuselten aufgeregt auf dem Platz herum. Sie arbeiteten fleißig an den Vorbereitungen für das anstehende Fest. Eine Tribüne, geschmückt mit bunten Lampions und Papierschlangen, war vor dem Gemeindehaus aufgebaut worden. Dieses Mal würde er da oben stehen, da war sich Lognah ganz sicher. Das Gemeindehaus war eines der wenigen Häuser, das aus Steinen erbaut worden war. Einmal die Woche wurden alle Einwohner zusammengerufen, um dort alle mehr oder weniger wichtige Entscheidungen zu treffen. Auf dem Dach des Gebäudes war ein mannshoher Kristall angebracht worden, welcher den ganzen Platz in ein mystisch, hellblaues Licht tauchte. Ein stämmiger Lurikeenmann kam angelaufen.

„Grüß dich, Lognah. Sag, wie viel Feen hast du dieses Jahr erwischt? Eine – oder gar zwei?“

Er hielt seinen üppig ausgestatteten Bauch vor Lachen und grinste zynisch.

„Schau selbst Dunbar.“ Lognah hielt ihm den Sack mit seiner Beute entgegen.                 

„Oh!“ - Die Augen seines Gegenübers wurden immer größer.

„Wie, wie hast du...?“, stotterte er.

Lognah trug jetzt seine Nase gen Himmel gerichtet. „Ein feines Gespür für die Jagd, blitzschnelle Reaktion, und ein überragender Orientierungssinn. Was sonst?“ Ein breites Grinsen zog sich, von einem Ohr zum anderen, über sein Gesicht.

Ein anderer Lurikeen kam angerannt.

„Seht mal ich habe acht Stück erwischt.“ Rot wuschelige Haare bedeckten den Kopf des Neuankömmlings. Er stellte die, auf einen Stock aufgespießten Monster, stolz zur Schau.

Dunbar schlug ihm auf den Hinterkopf und grummelte. „Dann schau dir mal an, was Lognah in seinem Beutel hat.“

Er legte Lognah seine Hand auf die Schulter, als wenn sie die besten Freunde wären.

Der Wuschelkopf bekam große Augen und stotterte: „Das, das ist ja…“ Sein überraschter Gesichtsausdruck wich der offensichtlichen Enttäuschung. „Und ich war mir so sicher, gewonnen zu haben.“

Auch diesmal platzte Lognah fast vor Genugtuung und Stolz.

Nach und nach scharrten sich immer mehr um ihn herum, um dem sicheren Sieger des Wettbewerbs zu gratulieren.

„Wenn ich den Wettbewerb gewinne…“ Lognah lächelte selbstsicher, schon fast arrogant, zog seinen Kragen zurecht und vervollständigte seinen Satz: „Wovon man ja schon fast ausgehen kann. Dann gebe ich euch allen soviel Met aus wie ihr nur trinken könnt. Ich werde mit euch feiern, wie noch nie jemand zuvor. Nichts und niemand kann einen echten Lurikeen davon abhalten, richtig zu feiern!“, lachte er laut.

Lognah war zufrieden mit sich, auch wenn ihm das Glück etwas zur Seite gestanden haben mochte. Nichts konnte ihm jetzt seine gute Laune nehmen, dachte er sich. Fast nichts.

„Höret, höret!“, schrie eine Stimme so laut, dass Lognah vor Schreck zusammenzuckte.

Auf einem großgewachsenen, weißen Ross saß ein Mensch und trug die Uniform eines Heroldes an.

„An alle Einwohner dieses Dorfes!“, schrie er und hielt eine Pergamentrolle vor sich. „Unser wunderbares Reich wird bedroht“, las er von dem Pergament ab. „Jeder wehrfähige Mann hat sich sofort zu melden und sich unserem Heer anzuschließen!“

Lognah schlug das Herz bis in die Kehle.

„Verdammt! Hätte ich doch meine Klappe gehalten!“, brummelte er leise zu sich selbst.


 

 

Kapitel II

(Verluste)

 

 

F

unken sprühten, als der riesige Zweihänder des großen Firbolgs krachend auf das bereits zerbeulte Turmschild des Ritters prallte. Sengann, ein gebürtiger Halbriese, wich einen Schritt zurück, nachdem er seinen erfolglosen Ausfall beendet hatte. Er überragte seinen Gegner zwar um einen Schritt, doch sein Widersacher wies mehr Kampferfahrung auf, als er selbst. Er schien jeden seiner Schläge vorauszuahnen, und blockte gezielt seine Angriffe mit dem Schild oder parierte mit dem Schwert. Die wenigen Treffer, die Sengann landen konnte, wurden von der glänzenden und filigran verzierten Plattenrüstung abgeschwächt. Seine eigene Schuppenrüstung hingegen, war schon von zahlreichen Treffern zerschlissen und von dem Rot seines Blutes verschmiert. Der Ritter schlug einige Finten und nutzte die Verwirrung, des angeschlagenen Firbolgs, um ihm, mit zwei schnell aufeinanderfolgenden Schlägen, in die Flanke zu fallen. Sengann stöhnte schmerzerfüllt auf, als die scharfe Klinge tief durch das Fleisch seines Armes schnitt. Der Ritter setzte nach, als Sengann einen Schritt zurückwich und versuchte einen Kopftreffer zu landen. Laut tosend traf die Waffe auf den mächtigen Zweihänder des Firbolgs, der in letzter Sekunde reagiert hatte, um den Schlag zu blocken. In einer fremdländischen Sprache zischte der Ritter wütend einen Fluch durch das schlitzförmige Visier, seines Helmes und trat ungeduldig von einem Fuß, auf den anderen.

Um sie herum tobte eine grausame Schlacht. Von Zauberern beschworene Feuerbälle verbrannten Soldaten, bei lebendigem Leibe und ließen dunkle Rauchschwaden in den wolkenverhangenen Himmel steigen. Schwerter schlugen aufeinander, Schilde zerbarsten unter schweren zweihändigen Hämmern und Pfeile surrten durch die Luft. Sengann glaubte, dass jeder Schrei, eines jeden Soldaten, seinen Weg in seine Ohren fand, um ihn zu peinigen. Tausende, von qualvollen Schreien – Schreie des Todes und des Schmerzes.

Die Albioner hatten sich mit den Kriegsverbänden der Midgarder verbündet und das hibernische Reich vor über zwei Wochen angegriffen. Niemand hätte es für möglich gehalten, dass etwas Derartiges geschehen hätte geschehen können. Die Nordmänner waren bei den Bretonen, genauso gehasst und verachtet wie die Kelten, vielleicht noch etwas mehr. Es musste einen Grund dafür geben, dass sie ihr altes Kriegsbeil begraben hatten, um gemeinsam das Heimatland des Firbolgs anzugreifen.

Sengann schüttelte seine Gedanken ab und fasste, mit beiden Händen, feste um den Griff seines Schwertes.

Der Firbolg, wie die Halbriesen auch genannt wurden, war mit seiner Kraft am Ende. Jeder einzelne Muskel in seinem Körper schmerzte und er musste sich konzentrieren, um nicht sein Bewusstsein zu verlieren. Ihm war bewusst, dass der nächste Schlagabtausch entweder ihm oder seinem Kontrahenten das Leben kosten würde. Er wünschte sich, sein Bruder Erionn wäre jetzt bei ihm, um ihm zur Seite zu stehen. Doch sie hatten sich vor einiger Zeit im Kampfgetümmel aus den Augen verloren. Senganns Statur glich der eines Menschen, nur waren Firbolge von Natur aus sehr viel stärker und ein gutes Stück größer, was ihnen im Kampf häufig zugute kam.

Sengann meinte ein böses Lachen unter dem Helm seines bretonischen Widersachers zu hören, als dieser, den ins wanken geratenen Firbolg beobachtete. Selbstsicher hob er sein Turmschild in Kopfhöhe und hechtete auf seinen Gegner zu. Sengann schluckte den Kloß in seinem Hals herunter, wartete den richtigen Zeitpunkt ab und wich aus, um darauf hin zum Gegenschlag auszuholen. Er ließ sein mächtiges Schwert über seinen Kopf kreisen und schlug mit aller Kraft, die er noch aufbringen konnte, auf den Arm seines Widersachers. Der Albioner hielt inne und starrte verwundert auf seinen Schwertarm, der vor seinen Füßen im Dreck lag, in der Hand immer noch das Ritterschwert umklammernd. Das Blut, das aus seinem Stumpf strömte, war ebenso rot, wie das des Firbolgs und tränkte den trockenen Boden, der es gierig verschlang. Während er Sengann ungläubig anstarrte, begann er zu zittern und seine Augenlieder zuckten, bis er schließlich leblos zu Boden viel. Sengann steckte erleichtert seinen Zweihänder in den Haltegurt auf seinem Rücken und wandte sich dem Außenposten zu, der auf einem Hügel errichtet, die letzte Bastion war, die sein Heimatland noch vor den Eindringlingen schützte. Mit der Hand wischte er sich den Schweiß von der Stirn und stützte sich mit der anderen auf den Knauf seines Schwertes. Wieder einmal war er, nur um Haaresbreite, dem Tode von der Klinge gesprungen. Er atmete ein, zwei Mal tief durch, presste seine Hand auf eine große, klaffende Wunde und humpelte den rettenden Mauern entgegen. Das Surren der unzähligen Pfeile, nahm der Firbolg schon gar nicht mehr war. Nur gelegentlich, wenn einer der tödlichen Geschosse ihr Ziel gefunden hatte und der darauf folgende Schrei zu hören war, zuckte er kurz zusammen. Die Bogenschützen seines Landes standen Seite an Seite auf der Wehrmauer, kaum sichtbar für den Feind, hinter den Zinnen in Deckung. Auf gut zehn der Schützen, kam ein Magier. Magier, welche die Kraft der Sonne nutzten, um ihre Zauber zu wirken oder mit der Macht der Leere ein Bündnis eingegangen sind, um ihre todbringende schwarze Materie auf Hibernias Feinde zu schleudern. Voller Inbrunst verteidigten sie ihre Heimat. Von allen Seiten drangen verzweifelte Schrei zu Sengann durch. Er blinzelte die Tränen aus seinen Augen und schüttelte traurig den Kopf. In seinem Zustand war er niemandem eine Hilfe. Er musste zuerst einen Druiden aufsuchen, um seine Wunden behandeln zu lassen, bevor er sich wieder ins Schlachtgetümmel stürzen konnte.

Nur noch wenige Schritte trennten ihn von den riesigen, hölzernen Toren der Festung, als er hinter seinem Rücken ein vertrautes Murmeln hörte, das ihm eine Gänsehaut über den Rücken laufen ließ. Sengann drehte sich langsam herum und sah seinem Tod ins Auge. Der kurze Ziegenbart am Kinn des Mannes war sauber gestutzt und das schwarze, wallende Magiergewand flatterte im aufkommenden Wind, der durch die Energie seiner Zauberei erzeugt wurde. Laut rief er die Zauberformeln in der Sprache der Bretonen und vollzog die dazugehörigen Gestiken in die Luft. Wortlos zog Sengann sein Schwert vom Rücken und torkelte dem Zauberer entgegen, welcher Silbe um Silbe seinen tödlichen Zauberspruch zu vollenden drohte.

Der Firbolg zuckte kurz zusammen, als er das laute Knurren hörte, das den Wolf ankündigte, der an Sengann vorbei hetzte. Mit einem Satz hatte er den Magier erreicht, der verwirrt seinen Zauberspruch unterbrach. Tief bohrten sich beiden Pranken des Wolfes in dessen Oberkörper und mit einem einzigen Biss, seines riesigen Maules riss er seinem Opfer die Kehle auf.

Sengann kannte dieses Tier. Es war der Begleiter und treue Freund seines Bruders. Ein Gefühl von Erleuchtung überkam ihn, als er die Erionns Hand auf seiner Schulter spürte. „Komm. Du hast schwere Wunden davon getragen. Gegen diese Übermacht können wir nicht lange standhalten.“

„Wo ist unser kleiner Lurikeenfreund, geht es ihm gut?“, stöhnte Sengann.

Erionn gab seinem treuen Tier ein Zeichen ihm zu folgen und antwortete: „Ich weiß es nicht. Ich habe ihn vor einiger Zeit aus den Augen verloren. Aber, er ist sehr einfallsreich und wird mit Sicherheit einen Weg gefunden haben, wohlbehalten zu uns zu stoßen.“ Erionn stützte seinen Bruder und führte ihn in die rettenden Mauern. Er nickte kurz den Wachen zu und brachte Sengann zu den Unterkünften, wo er ihn vorsichtig auf eine Pritsche legte. In dem großen Raum wurden dutzende Schlafstätten behelfsmäßig aufgestellt worden. Die meisten waren von Schwerverletzten hibernischen Kriegern belegt. An der Nordwand prasselte ein Feuer in einem zwei schritt hohen Kamin, der den Raum mit seiner Wärme erfüllte und in ein dämmriges Licht tauchte. Die wenigen Druiden die hier ihre Arbeit taten, waren vollkommen überlastet, ihre hellbraune Kleidung von vielen Blutflecken dunkel gefärbt. Sie arbeiteten schon seit Tagen ohne Unterlass. Den Fällen, denen auf den ersten Blick, nicht mehr zu helfen war, wurde ein weißes Tuch über den Leib gelegt. Es war eine grausame Arbeit für die Heiler zu entscheiden, wem sie helfen konnten und wem sie dem Tode überlassen mussten.

„Beweg dich nicht und halt still.“, sagte Erionn.

Der Firbolg stöhnte nur schmerzerfüllt, als er sich zurücklehnte. Erionn hob seine Arme und ließ sie kreisförmig über den verletzten Körper seines Bruders kreisen. Dabei schloss er die Augen und beschwor, in einer alten hibernischen Sprache, die Kräfte der Natur. Langsam erschien ein schwaches, grünes Glühen um seine Hände, das mit der Intensität seines Gesanges zunahm. Behutsam legte Erionn seine Hände auf den Brust seines Bruders. In diesem Augenblick löste sich das glühende Licht von seinen Händen und breitete sich um den ganzen Körper aus. Es verwandelte sich in ein gleißendes, grünes Leuchten, das den gesamten Raum erfüllte.

Von einem Augenblick auf den nächsten verwandelte sich die blendende Helligkeit in tiefstes Schwarz.

Sengann fiel in eine tiefe Ohnmacht.


 

Kapitel III

(Rückblicke)

 

A

ls der Herold in dem Firbolgdorf eintraf und verkündete, der Krieg sei ausgebrochen, hatte Sengann und sein Bruder Erionn nicht gezögert sich dem Regiment anzuschließen. Angeführt wurde das frisch rekrutierte Kriegsherr von dem berühmten Firbolg General Selchann. Zu seiner Zeit hatte er unzählige Male die Heere Hibernias siegreich in die Schlacht geführt. Heute war er ein Firbolg, dessen Lebensfaden dem Ende zulief. Sengann fragte sich, aus welchem Grund man ihn aus seinem wohlverdienten Ruhestand geholt hatte. Er ritt auf einem prunkvoll behangenen Streitross und wurde von je einem Standartenträger und Musiker flankiert. Die berittenen Soldaten bildeten die Spitze des Regiments gefolgt von einigen Karren, auf denen Proviant, Zelte und Waffen transportiert wurden. Danach kam dann die Infanterie bestehend aus allen Völkern Hibernias.

Sengann hatte nicht viel Erfahrung was den Krieg anging, aber er wusste, dass dieser bunt gemischte Haufen nur auf dem Weg zum Schlachtfeld war, weil es sehr schlecht um Hibernia Truppen stehen musste. Die reguläre Armee besteht aus den angesehensten Gilden Hibernias. Sie musste wohl anderen Ortes stationiert sein oder womöglich waren auch geschlagen worden. Sonst hätte man niemals den „Rest” der kampftauglichen Bürger zusammengerufen. Es war jetzt schon fast eine Woche her, dass die Männer aus seinem Dorf rekrutiert worden waren. Seitdem marschierten sie fast ohne Rast um möglichst wenig Zeit zu verlieren.

Die Landschaft Hibernia war wunderschön anzusehen. Saftig grüne Wiesen bedeckten die flachen Hügel, die den Grossteil der Landschaft in Hibernia ausmachte. Überall wuchsen riesige Pilze mit rotem Hut und weißen Flecken darauf. Mann hätte sie auch mit übergroßen Fliegenpilzen verwechseln können. Allerdings war das Material, aus dem sie bestanden eher mit dem Holz einer Steineiche zu vergleichen. Nicht umsonst nutzten einige kleinwüchsige Völker wie die Lurikeens das Material auch zum Bauen ihrer Häuser. Wolken zogen ganz langsam, wie übergroße Wattebäusche, den strahlend blauen Himmel entlang. Schmetterlinge tummelten sich in den Blumenbeten, die überall in allen Farben des Regenbogens wuchsen.

Soweit das Auge reichte war die Landschaft einfach tadellos. Keine abgeholzten Wälder, keine kranken Bäume. Selbst das Unkraut schien sich überwiegend zurückzuhalten. Alle Völker in Hibernia lebten in Harmonie mit der Natur. Am Horizont war ein prächtiges Schloss zu erkennen. Gehauen aus weißem Marmor mit hohen Türmen, deren Dächer aus reinem Gold gearbeitet waren und die Sonne reflektierten. Es war die Hauptstadt von Hibernia, das Symbol der Magie und der Schönheit dieses Landes. Unübertroffen an architektonischer Perfektion und Grazie ragte das Gebäude gen Himmel. Sengann wusste jetzt mehr denn je, wofür es sich zu Kämpfen lohnte.

Jedes Mal, wenn sie an einer der Städte vorbei kamen, die an der Hauptstrasse lagen, wurden sie bejubelt und von den Einwohnern reich beschenkt. Meisten waren es Nahrungsmittel, Blumen oder Liebesbezeugungen, manchmal aber sogar praktische Dinge, wie Rüstungsteile oder Waffen.

In Mag Mell, einer Stadt in der Mitte des Landes, hatte ihm der örtliche Schmied ein exzellentes Schwert anvertraut. Es war selbst für den großgewachsenen Firbolg nur zu führen, indem er beide Hände benutzte. Der Griff des Schwertes war aus reinem Gold gearbeitet und mit einem großen leuchtenden Kristall auf jeder Seite verziert. Die Parierstange war der Kralle eines Adlers nachempfunden worden. Das Material der Klinge war ungewohnt leicht und doch scheinbar unzerbrechlich. Wie stabil es wirklich war, würde sich wohl erst in den folgenden Tagen beweisen müssen. Es war ihm in Auftrag gegeben aber nie abgeholt worden, hatte ihm der Schmied erzählt. Sengann fragte sich, was es damit auf sich hatte. Niemand gibt ein so wunderbares Schwert in Auftrag, bezahlt im Voraus und holt es dann nicht einmal ab. Er war sich sicher irgendwann einmal zu dem Mann zurückzukehren und der Sache nachzugehen. Aber das sollte ein anderes Abenteuer werden. Er steckte sich das Schwert in die vorgesehene Scheide und schnallte sie sich auf den Rücken. Er war nicht geübt in dem Umgang mit Schnittwaffen, deshalb nahm er sich vor, erst etwas mit seinem Bruder Erionn zu trainieren, bevor er damit in den Kampf zog.

Ein paar Lurikeens hasteten mit ihren kleinen Beinen an Sengann vorbei. Die Ausdauer, die dieses „kleine” Volk an den Tag legte, beeindruckte den Firbolg. Für einen Schritt den er tat, mussten sie vier oder fünf machen. Die meisten von ihnen waren in bunte Kleidung gehüllt und hatten kurze Schwerter auf ihre Rücken geschnallt. Einige wenige durften den Weg eines Magiers beschreiten, wenn sie begabt genug waren. Die meisten Magier stammten jedoch aus dem Volk der Elfen. Es mussten etwa zweihundert Recken gewesen sein, die sich auf dem Weg nach Drium Ligen befanden, um sich dem Feind entgegenzustellen. Es herrschte eigentlich seit Jahrzehnten Frieden zwischen den Reichen, die diese Welt bevölkerten. Niemand hatte dem Firbolg erzählt, worum es in dieser Schlacht ging. Das war ihm auch nicht wichtig. Er würde alles tun um sein Reich zu schützen, egal ob man es für wichtig hielt, ihm mitzuteilen wofür er kämpfte oder nicht.

„Seid gegrüßt, Riese”, ein kleiner Lurikeen versuchte mit Sengann mitzuhalten und zupfte ihm am Bund seiner Schuppenweste. Sichtlich gestört in seinen Gedankengängen, schaute der Firbolg mit grimmiger Miene nach unten.

„Was?”, brummte er wortkarg.

„Aus welchem Grund hat man uns einberufen? Ich wusste gar nicht, dass wir uns im Krieg befinden. Kämpfen wir gegen die Albioner oder sind es wieder diese stinkenden Zwerge?”

Sengann seufzte tief und antwortete, „Ich weiß es nicht. Warum auch all diese Fragen? Wenn von euch erwartet wird zu kämpfen, dann kämpft ihr eben!”.

Der kleine Mann kratzt sich an seinem spitzen Ohr.

„Ihr springt auch von einer Brücke, wenn es euch befohlen wird? Ich habe keine Lust zu sterben ohne zu wissen wofür!” Er unterstrich seine Rede mit wilden Gebärden seiner kleinen Arme.

„Es ist nicht an euch, zu entscheiden welche Informationen uns weitergegeben werden. Es ist nur wichtig Befehle zu befolgen. Ihr Lurikeens seid doch alle gleich... Ihr lebt nur in den Tag hinein, ohne an Morgen zu denken. Euer Leben besteht aus einer endlos andauernden Feier. Keiner von euch macht sich Gedanken über die Verteidigung des Reiches. Dafür sind ja die Firbolge da, nicht wahr? Wenn dann mal von euch erwartet wird, etwas für euer Land zu tun, wollt ihr euch drücken!”.

Der kleine Mann schaute verärgert nach oben. „Nur weil wir es verstehen unser Leben zu genießen, heißt das nicht, dass wir nicht arbeiten oder unsere Pflichten vernachlässigen würden!”.

Der Lurikeen wäre fast gegen den vor ihm fahrenden Karren gelaufen, als ohne Vorankündigung die Menge stehen blieb.

„Hebt mich mal hoch, ich will sehen, was da los ist”.

Der Fian, wie man die Krieger im Reiche Hibernias auch nannte, nahm den Lurikeen und setzte ihn auf seine Schultern.

„Eine Brücke. Es ist nur eine Brücke”, rief der Winzling von oben.

Die zwei Wachen am Ufer lotsten die Karren nacheinander über eine wunderschöne, aus weißem Marmor gehauene Brücke. Die Pfeiler waren mit goldenen Kuppeln geschmückt. An den Seiten der Brücke waren Bögen gebaut worden, an denen blaue Kristalle herabhingen, dessen Licht die anbrechende Nacht erhellten. Am Ufer tummelten sich einige Frösche in der Größe von Hunden. Quakend schienen sie dem Treiben der Soldaten durch ihre großen Glubschaugen zuzusehen. Die Sonne war jetzt fast gänzlich am Horizont verschwunden und nur das nahe liegende Licht der Kristalle erhellte die Dunkelheit. In Hibernia schien tagsüber fast immer die Sonne und die Nächte waren immer sternenklar. Unwetter gab es nur sehr selten und wenn es doch einmal regnete, dann war dafür der Regenbogen danach umso schöner. 

„Das kann dauern”, sagte der Lurikeen, als Sengann ihn auf den Boden zurücksetzte.

„Lasst uns ein Lager aufschlagen”, schlug er vor und rückte seine Kleidung wieder zurecht. Sein Gesicht zeugte deutlich von der Anstrengung der letzten Tage. Erschöpft legte er sich ans Ufer und zählte die Sterne am Himmel. Der Firbolg hielt Ausschau nach seinem Bruder, der weiter vorne in der Schlange lief.

„Ich heiße übrigens Lognah”, der Lurikeen reichte dem Firbolg seine kleine Hand. Sengann beugte sich zu ihm hinunter, um ihn vorsichtig die Hand zu schütteln. Es war ein ungewöhnliches Bild: der kleine Lurikeen neben dem Riesen von Firbolg...


Erionn tat es seinen Freunden gleich und nutzte ebenfalls den Augenblick zum Verschnaufen.

„Hast du einen neuen Freund gefunden?”, fragte er seinen Bruder.

Lognah schaute zu ihm hoch, stand auf und verbeugte sich höflich. „Gesellt euch zu uns werter Herr.”

Der Firbolg nickte und setzte sich im Schneidersitz neben seinen Bruder Sengann. Das Lagerfeuer spiegelte sich in den flachen Wellen des Flusses wieder und verbreitete ein gemütliches Licht. Die drei Gefährten saßen sich im Kreis gegenüber. Sengann fachte mit einem Ast das Feuer an. „Das ist Lognah der Lurikeen. Er ist der beste Feenjäger in seinem Heimatdorf”, stellte er seinen kleinen Freund mit leicht sarkastischem Unterton vor. Obwohl sich der Firbolg eingestehen musste, dass ihm die letzten paar Stunden Unterhaltung fast schon gefallen haben.

Lognah erhob sich und knurrte: „Und wenn nicht dieser verdammte Herold in unser Fest geplatzt wäre, würde ich das wahrscheinlich jetzt noch feiern. Mit ein oder zwei Lurikeenfrauen und einem Fass Galzenbier.” Er trat einen, für ihn faustgroßen Stein in den Fluss. Quakend meldete sich ein Frosch als er ihm vor den Kopf prallte.

„Meckere nicht kleiner Mann”, Sengann schaute ihn streng an. „Du weißt, was...”

„ Ja, Ja. Ich weiß. Für Hibernia in den Krieg zu ziehen ist eine Ehre, bla, bla.”, fiel er ihm ins Wort.

Sengann grinste und schüttelte den Kopf. „Nicht so hastig mein kleiner Freund. Nein ich wollte eigentlich nur sagen, dass du ein Kriegsheld sein wirst, wenn du wieder nach hause kommst.”

„Wenn ich nach hause komme.”, schimpfte er und legte dabei die Betonung auf das „Wenn“.

Dann aber überlegte er kurz.

„Hmm. Du hast recht”, ein sehr breites Grinsen wuchs im auf sein Gesicht. „Die Frauen werden mir nur so hinterher rennen. Sie werden sagen: Da kommt Lognah unser Held. Dann werde ich sie nicht enttäuschen und jeder meiner Verehrerinnen ein Bier ausgeben und...”

„Den Rest können wir uns sicherlich ausmalen”, unterbrach Erionn Lognahs Tagträume. Dann wechselte er das Thema: „Das Dorf aus dem du stammst, wo liegt das?”

„In der Nähe von Tir na mbeo in Lough Derg”, antwortete er.

Der Firbolg interessierte sich schon immer für Lognah’ s Volk. „Und da lebt ihr Lurikeens unter euch?”

Lognah nickte, „Die meisten unserer Häuser sind in unserer Größe gebaut, aber wir haben auch ein paar Elfenfamilien in unsere Gemeinschaft aufgenommen.” er holte eine Pfeife aus seinem Fellbeutel und rieb zwei Feuersteine aneinander. Die dabei entstandenen Funken brachten das Gras in der Pfeife sofort zum Glühen. Er paffte ein Paar Mal daran und redete dann weiter, „Die meisten von uns Leben von der Obsternte im Sommer. Aber aus den Flügeln der von uns erlegten Feen lassen sich Stoffe weben. Dann verkaufen wir noch einige andere Güter an die Händler die von Zeit zu Zeit in unser Dorf kommen.” Sengann vielen immer wieder die Augen zu. Er hatte seid fast drei Tagen nicht mehr geschlafen und Lognah gab ihm mit dem „ökonomischen Jahresbericht eines Lurikeendorfes” den Rest. Der große Firbolg beugte sich langsam nach vorne und begann dann laut zu schnarchen.

„Ich gehe eben zu dem Proviantwagen und hole unsere Rationen”, sagte Erionn. „Pass bitte auf, dass mein Bruder nicht ins Feuer fällt.” Der Firbolg lächelte, erhob sich und machte sich auf den Weg. „Natürlich, geh du nur, ich kümmere mich schon um dein Brüderchen”, willigte Lognah ein. Als der Firbolg in der Dunkelheit verschwand, wich das breite Grinsen des kleinen Mannes einem erschöpften Gesichtsausdruck. „Du darfst jetzt nicht einschlafen Lognah. Du musst Wache halten”, war das letzte, was ihm durch den Kopf ging, bevor ihm die Augenlieder zu vielen und er langsam nach hinten kippte. Er lag jetzt mit Sengann Rücken an Rücken.

 


 

Wenn Sengann später darüber nachdachte, war er sich nie so ganz sicher gewesen ob er die Schreie der Frau wirklich wahrgenommen hatte, oder es Instinkt gewesen war, als er aus seinem Tiefschlaf aufschreckte. Er schien die angsterfüllten Schreie einer Frau zu hören. Sie kamen von dem Hügel gegenüber der Brücke an der sie kampiert hatten. Er rüttelte den kleinen Lurikeen wach, der immer noch neben ihm lag. Trotz des hellen Mondlichts konnte er nicht viel erkennen. Der Hang war dicht mit Büschen bewachsen, an denen violette faustgroße Früchte hingen.

„Warte du auf meinen Bruder”, wies er den Lurikeen an und hechtete in die Richtung, aus der er die Schreie vernommen hatte. Einen Augenblick später war der große Firbolg in dem Gestrüpp verschwunden.

 

Lognah lief nervös das Ufer auf und ab. „Verdammt!” Er kickte einen Stein ins Wasser. Das war wohl eine Angewohnheit des kleinen Lurikeens, wenn er aufgeregt war. „Ich kann hier doch nicht einfach nur warten.” Einer der Riesenfrösche schien ihm mit lautem Quaken zuzustimmen. Sengann würde bestimmt unheimlich wütend werden, wenn ihm Lognah, über seine Befehle hinweg, folgen würde. Aber eigentlich war der Lurikeen ihm doch gar nicht unterstellt, deshalb musste er seinen Befehlen auch nicht gehorchen. Und er hatte doch Sengann' s Bruder versprochen auf ihn aufzupassen. Er grübelte noch einen Moment und schlug dann mit der Faust auf seine Handfläche. Der Lurikeen wühlte kurz in seinem Beutel und holte dann ein Blatt Papier und einen Kohlestift zum Vorschein. Er schrieb schnell, in großen Buchstaben: „Sind gleich zurück”, und legte das Pergament, mit einem großen Stein beschwert, an das Feuer.

 

Sengann rannte so schnell ihn seine Beine trugen. Die Äste der hochgewachsenen Sträucher schlugen ihm ins Gesicht. Dornen rissen ihm kleine Wunden, an seinen ungeschützten Stellen, in seine Haut. Wieder schallte ein Schrei durch die Nacht. Er hob noch mal das Tempo an, seine immer zahlreicher werdenden Wunden ignorierend. Sein Herz pochte donnernd in seiner Brust und nur mit Anstrengung schaffte er es den Mond am Himmel nicht aus den Augen zu verlieren, um die Orientierung zu behalten. Dann hatte er sein Ziel erreicht. Den letzten Busch zur Seite tretend erblickte er eine Frau, die schwer verletzt am Boden kauerte und ein entsetzliches Monster, welches Sengann an einen überdimensionierter Käfer erinnerte. Der Leib des Untiers wurde fast ausnahmslos von einem dicken Chitinpanzer geschützt. Schwerfällig bewegte es sich auf sein Opfer zu. Zwei große Scheren mit messerscharfen Kanten waren die natürlichen Waffen des Monsters. Mit einem Ruck setzte es zum Schlag an, sein hilfloses Opfer immer noch im Visier. Sengann lief ein Schauer über den Rücken bis tief ins Mark, als er das knirschende Geräusch der zersplitternden Knochen des Elfenmädchens hörte. Er hob seinen riesigen aus Stahl geschmiedeten Hammer in beide Hände. Von unbändigem Hass getrieben rannte der große Firbolg los - Das Monster sollte nicht mehr die Gelegenheit bekommen sein Festmahl zu genießen. Er holte so weit zum Schlag aus, dass ihn die Wucht des Schwunges beinahe umgehauen hätte. Nur knapp über den Kopf des Mädchens sauste die Waffe des Fians und erwischte den Riesenkäfer direkt am Schädel. Der Panzer barst auseinander und ein großes Loch klaffte an der Stelle, an welcher das Monstrum getroffen wurde. Grosse Teile des Panzers flogen als todbringende Splitter nach allen Seiten. Die meisten vergruben sich so tief in Senganns Rüstung, dass er sie selbst durch die vielen kleinen Metallplatten seiner Rüstung spürte. Der Käfer, der jetzt von dem Leib seines Opfers gestoßen war, richtete sich wieder auf und setzte erneut zum Angriff an. Diesmal war der große Firbolg sein Ziel. Eine grüne zähflüssige Substanz lief ihm aus dem Schädel und das große Horn in mitten seines Angesichts war nur noch zu erahnen. Das pferdegroße Monster wandte sich ihm zu und scharrte mit seinen Klauen auf dem Boden. Das Aufeinanderprallen der Panzerteile des Käfers erzeugte ein lautes klapperndes Geräusch als er dem Fian schwerfällig entgegen kam. Sengann hielt seinem Gegner die große Waffe quer entgegen um den Aufprall seines Kontrahenten so gut wie möglich abzuschwächen. Das tonnenschwere Ungetüm prallte mit der gesamten Wucht seines Körpers gegen Sengann und schleuderte ihn zu Boden. Der Firbolg lag benommen im Dreck, unfähig sich zu bewegen. Die roten starrenden Augen des Monstrum suggeriertem ihm, er würde nun sterben. Der Firbolg atmete schwer, denn sein Brustkorb war verletzt worden. Er versuchte gegen die Ohnmacht anzukämpfen, um dem Tode ins Gesicht zu schauen. Wenn er ihn holen wollte, dann ohne seinen Stolz gebrochen zu haben!

Wie aus dem Nichts schälte sich eine kleine Gestalt aus der Dunkelheit. Der Umhang des Unbekannten schien die Farben des Umfelds etwas verzerrt nachzuahmen und somit dem Träger eine fast perfekte Tarnung zu verleihen. Mit einem heftigen Satz sprang er dem Käfer in den Nacken und stieß ihm seine beiden Kurzschwerter gezielt zwischen zwei Panzerplatten. Das Monster bockte wild auf und rannte ziellos hin und her. Hustend stützte sich Sengann auf seinen Kriegshammer und versuchte sich aufzurichten. Sein Gesicht vom Schmerz verzerrt, drückte er eine Hand fest gegen eine klaffende Wunde an seinem Oberschenkel. Nur knapp verfehlte das wild umher galoppierende Ungetüm den regungslosen Frauenkörper. Einen kurzen Gedanken lang durchdrang Sengann die Hoffnung, dass sie vielleicht noch lebte. Aber jetzt musste er sich einzig und allein auf den Kampf konzentrieren. Der Käfer schien vor Schmerzen wahnsinnig geworden zu sein und stieß gegen einen Baum um darauf hin ins Schwanken zu geraten. Der Boden bebte als das Monster zu Boden ging. Sengann nutzte den Moment um weit auszuholen. Die gewaltige Waffe flog durch Luft. Der schwere Metallkopf des Hammers zertrümmerte den Schädel des Monsters endgültig. Schnaufend stützte sich der Firbolg gegen den Kadaver um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

 „Hilfe, ich ersticke”, hörte der Firbolg eine vertraute Stimme und suchte deren Herkunft. Unter dem toten Ungetüm zappelten die kurzen Beine eines Lurikeens, dessen restlicher Körper begraben war. Sengann drückte mit aller Kraft den Käfer beiseite, welcher klappernd den Abhang hinunter rollte und eine schleimige Spur dieser grünen Flüssigkeit hinterließ.

„Puh! Danke! Das war knapp!”, bedankte sich Lognah, als er dem Firbolg um den Hals fiel - oder besser um die Taille. „Das wäre fast schief gegangen. Was?”.

„ Ja...”, er verzog vor Schmerz sein Gesicht. Er wandte sich mit einem leisen Aufstöhnen um und hinkte langsam zu der kleinen zierlichen Gestalt, die zusammen gekauert und leblos da lag. Er kniete sich vor sie.

„Ist sie tot?”, fragte er eher sich selbst, als den Lurikeen. Sie war an zahlreichen Stellen verwundet worden und Blut rann ihr die Schulter herab, an der sie das Ungetüm auseinander nehmen wollte. Sengann ertaste vorsichtig ihren Puls. „Sie ist tot”, waren seine ersten Gedanken als er nichts fühlte. Die Augen der schönen, zierlichen Elfin waren geschlossen. Als er in ihr liebreizendes Gesicht schaute, wurde Senganns Herz schwer. Er war zu spät gekommen, um sie zu retten. Er hätte einfach schneller sein müssen.

Sie lag da in ihrem Blut, ihren zerbrochenen Bogen noch fest umklammert. Kleine Äste und Gestrüpp hatten sich in Ihrem langen, dunkelblonden Haar verfangen. Er hatte immer noch ihr Handgelenk in seiner großen Pranke.

„Lebt Sie noch?”, fragte Lognah mit einem Zittern in seiner Stimme.

Sengann wollte ihm gerade antworten, als er ein leichtes Pochen zu spüren glaubte.

„Ich weiß nicht...”, zögerte er. Der kleine Lurikeen wühlte kurz in seiner Tasche und holte einen kleinen Spiegel heraus. Er hielt ihn knapp über ihre Lippen und wartete einen Augenblick. Sengann hielt vor Spannung den Atem an. Einen kleinen Augenblick schien die Zeit einzufrieren. Dann endlich beschlug der Spiegel leicht. Erleichtert atmete der Firbolg auf und hätte am liebsten seine Freude in die Welt geschrieen. Der kleine Lurikeen hingegen, ließ seinen Gefühlen freien Lauf und sprang vor Freude in die Luft und tanzte den Tanz des Frohsinns. Sengann verzog die Augenbrauen als er ihn dabei beobachtete. Dann hob der Firbolg das Mädchen sanft hoch. Mit langen Abständen schlug Ihr Herz zwar noch. Doch Sengann wusste, er hatte sie so schnell wie möglich zu einem Heiler zu bringen, sonst würde sie in seinen Armen sterben.

„Bitte pack ihr Hab und Gut zusammen mein kleiner Freund. Ich gehe schon einmal vor.” Noch bevor der Lurikeen antworten konnte, war er im Dickicht verschwunden.


Erionn setzte sich an das Lagerfeuer und genoss die Suppe, die ihm vom Regimentskoch ausgegeben worden war und biss dann in den Leib Brot, den es als Beilage dazu gegeben hatte.

            „Den Göttern sei Dank, du bist zurück”. Sengann kam aus dem Gestrüpp geprescht und wäre beinahe über seinen Bruder gestolpert. Erionn stand auf und schaute erschrocken auf die Gestalt, welche Sengann neben das Feuer legte. Erionn schob erst einmal all die Fragen, die ihm durch den Kopf schossen, beiseite und versuchte sich ein Bild von der Schwerverletzten zu machen.

„Ihr Herz schlägt kaum noch”, sagte er kopfschüttelnd.

„Bitte tu was du kannst. Es ist meine Schuld wenn sie nicht durchkommt.”, flehte Sengann ihn an und beobachtete besorgt Erionn schier hoffnungslosen Kampf gegen den Tod. Ohne seine Patientin aus den Augen zu lassen forderte er Sengann mit einer Gestik auf, „Deinen Umhang”. Ihre Chance die nächsten zehn Minuten zu überleben waren sehr gering. Ihre Wunden waren einfach zu schwer und zahlreich. „Roll ihn zusammen und leg ihn ihr unter ihren Nacken”, befahl er seinem Bruder. Sengann tat, wie ihm befohlen und hob sanft ihren kleinen zierlichen Kopf an und polsterte ihren Nacken. Er wischte ihr mit dem Zeigefinger ein paar schmutzige Strähnen ihres langen Haares aus dem Gesicht. Er biss sich so fest er konnte auf die Unterlippe, als er sah wie sein Bruder ihren gebrochenen Schulterknochen richtete. Erionn versuchte alles um den Blutverlust seiner Patientin so gering wie möglich zu halten und verarztete erst einmal die schwersten Wunden. Jeder seiner Handgriffe zeugte von seinen Fähigkeiten als Heiler. Jedes Mal, bevor er einen Verband anlegte, hielt er beide Hände über die zu versorgende Wunde und ließ mit Hilfe seiner magischen Begabungen die Kräfte der Natur ihren Beitrag leisten. Lognah war mittlerweile zurückgekehrt und hatte sich ohne ein Wort zu sagen neben sie gesetzt. So ruhig hatte der Firbolg ihn noch nicht gesehen. Erionn schnaufte laut, „Puh!”. Er hielt kurz inne, wischte sich den Schweiß von der Stirn und machte sich dann sofort wieder an die Arbeit. Die ganze Zeit über hatte Sengann ihre Hand gehalten und kommandierte dabei den kleinen Lognah hin und her um Erionn zu unterstützen.

„Das war alles was ich für sie tun konnte”, sagte Erionn erschöpft. Seine Kleidung war voller Blut, aber sein Gesicht ermunterte Sengann, dass seine Arbeit von Erfolg gekrönt war.

„Und schafft sie es”, fragte der Fian mit zugeschnürter Kehle.

„Ich denke sie hat den Kampf für sich entschieden”, antwortete Erionn. Sengann lachte vor Erleichterung auf, umarmte seinen etwas kleineren Bruder und drückte ihn feste an sich. Lognah, der schon wieder den Tanz des Frohsinns tanzte, sang ein Loblied zu einem seiner Götter. Der kleine Lurikeen war schon etwas seltsam. Niemand hätte diesen kleinen Mann, der singend und tanzend völlig ausgelassen um das Lagerfeuer herumtanzte, für einen Nachtschattenkrieger gehalten, der noch vor ein paar Stunden mutig und mit ganzem Einsatz ein Rieseninsekt zur Strecke gebracht hatte. Erionn kümmerte sich noch schnell um die Wunden seines Bruders und dann teilten sie die Wachen ein. „Ich halte zuerst Wache”, sagte Sengann als sei es schon beschlossene Sache. „Als nächstes Lognah, Erionn du brauchst jetzt erst einmal etwas Schlaf”, er schlug Erionn auf die Schultern. „Du hast es dir verdient.” Ein leises Schnarchen ließ die beiden Brüder nach unten schauen. Der kleine Lurikeen war schon tief und fest am schlafen, kaum dass Sengann seinen Satz beendet hatte. Erionn lachte, „Da hast du dir aber einen müden kleinen Freund angeschafft”. Sengann lächelte nur. Er wusste ohne den kleinen Mann wäre er jetzt wohl nicht mehr am Leben....


„Aufstehen ihr Faulpelze”.

Sengann Gedanken noch von wirren Träumen vernebelt kam er langsam zu sich. Er spürte, wie ihn jemand an der Schulter rüttelte und wieder hörte er eine Frauenstimme rufen. „Aufstehen. Die Sonne steht schon im Zenit”. Der große Firbolg rieb sich den Schlaf aus den Augen und setzte sich auf. Um ihn herum lagen Lognah und Erionn beide noch tief am schlafen. Sengann fiel die Kinnlade herunter, als er sah wer sie geweckt hatte. Das Elfenmädchen, welches sie in der Nacht zuvor gerettet hatten, beugte sich gerade über den kleinen Lurikeen und rüttelte ihn kräftig. Sie hatte sich wohl im Fluss gebadet als sie noch geschlafen hatten und ihre Kleidung zeugte kaum noch von den schweren Wunden, die sie davongetragen hatte. An einigen Stellen war sie zwar noch zerrissen, aber ansonsten hätte man denken können, der Kampf gestern hätte nie statt gefunden. Die Stimme des Mädchens klang in den Ohren Senganns wie Musik. Ihr langes, dunkelblondes Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten und am Ende mit einem Band, aus Blumen zusammengebunden. Ihre spitz gewachsenen Ohren untermalten ihr schmales, zierliches Gesicht, welches selbst aus Marmor gehauen, nicht schöner hätte seien können. Ihre schlanke Figur war formvollendet und besaß, genau an den Stellen, die weichen Rundungen, wo sie eine Frau haben sollte. Ihre beruhigende und doch bezaubernde Stimme vollendete dieses Bild von Weiblichkeit. Sengann Gelenke schmerzten noch etwas, als er sich aufrichtete. Aber auch seine Wunden waren zum größten Teil geheilt.

„Wie geht es dir?“, fragte Sengann etwas unbeholfen. In Gegenwart hübscher Frauen war er schon immer etwas schüchtern gewesen. Das Elfenmädchen drehte sich auf dem Absatz, und viel ihm um den Hals. Sie drückte sich fest an ihn und sagte: „Danke, dass du diesem Monster das Abendessen verdorben hast!“. Er spürte, wie sich seine kleinen Härrchen im Nacken aufrichteten, als ihm ihr warmer Atem den Hals herunter rann. Er umarmte sie noch fester, als er daran dachte, dass sie gestern beinahe den letzten Atemzug getan hätte. Dann wieder ließ er sie ruckartig los. „Ich hoffe ich habe dir nicht weh getan“, sagte er. Das Elfenmädchen zog sich etwas ihr Oberteil an der Schulter hinunter. „Siehst du? Kaum noch etwas von der großen Wunde zu sehen. Von den kleinen sind noch nicht einmal Narben übrig. Und ich hatte mich schon in dem Magen dieses Monsters gesehen.“

„An was kannst du dich noch erinnern“, fragte der große Firbolg, dessen Herz immer noch vor Aufregung pochte. Nach außen hin zeigte er allerdings nichts davon. Kaum eine Reaktion - abgesehen von seiner sichtlichen Freude über ihren guten Zustand - war seinem Gesicht nichts zu entnehmen. Er hatte gelernt seine Schwächen nie nach außen dringen zu lassen.

„Hmm.... Das Letzte, an das ich mich erinnere, war als mich dieses Vieh an der Schulter aufgespießt hatte. Dann nur noch wie mir mein großer Retter, seinen Hammer schwingend, zur Rettung eilte“. Sengann ließ seine Blicke verlegen umherschweifen. „Und zwar keine Sekunde zu früh“, lächelte sie und zwinkerte ihm keck zu. „Ich war auf der Suche nach dem Regiment, das hier vorbei gekommen sein müsste“, sagte sie. „Ich wollte mich ihm anschließen“. Sengann schlug sich mit einer Hand gegen seinen Kopf. „Die hatte ich fast vergessen“. Er stand auf und schaute sich um. Weit und breit war niemand mehr zu sehen. Nur noch eine einsame Wache hielt die Stellung an der Brücke. „Ich heiße übrigens Sheilsarah. Unser Dorf liegt etwa drei Tagesreisen von hier entfernt. Die meisten meiner Brüder und Schwestern sind schon im Krieg. Ich bin angeblich noch zu jung, um mit in die Schlacht zu ziehen, hab mich aber davon geschlichen“. Sie hob ihren zerbrochenen Bogen auf, den Lognah für sie eingesammelt hatte. „Ich muss zugeben, dass es bisher nicht so ganz gelaufen ist, wie ich mir das vorgestellt hatte“.

„Euch geht es wieder gut?“, erkundigte sich Erionn rein formhalber, da er den größten Teil ihres Gespräches mitbekommen hatte.

„Ja“, sagte sie und drehte sich einmal um die Achse. „Siehst du? Nichts mehr zu erkennen“. Ihr Gesicht war von einer Zufriedenheit erfüllt, wie sie Sengann schon lange nicht mehr gesehen hatte. „Ich bin so froh auf euch gestoßen zu sein. Ohne euch alle hätte ich es noch nicht einmal bis zur Grenzfestung geschafft“. Sie umarmte erst Erionn und hob dann den kleinen Lurikeen hoch und knuddelte ihn wie ein Stofftier. „Ich habe so lange darauf gewartet ein Abenteuer wie dieses mitzuerleben.“ Sie entfernte die Sehne von ihrem zerbrochenen Bogen und wickelte sie zusammen. „Wir sind auch auf dem Weg zum Grenzland“, sagte Sengann. Er holte sein Zweihandschwert aus dem Gepäck und probierte noch einige Übungen aus. Er wollte sich etwas damit vertraut machen, bevor er es im Kampf zum Einsatz brachte. Das große Schwert surrte durch die Luft und schnitt tief in einen nahe liegenden Baum.

„Wenn du gerade schon dabei bist...“, sagte Sheilsarah und warf den zerbrochenen Bogen auf den Boden. „Ich bräuchte eine neue Waffe.“ Sie deutete auf einen stabilen Ast. „Ich glaube der da wäre der richtige“. Erionn holte seine Landkarte hervor. Sie waren noch ungefähr drei Tagesmärsche vom Grenzland entfernt. „Wir sollten langsam aufbrechen“, rief er seinem Bruder zu.

„Einen Augenblick noch“, antwortete er und schnitt mit seinem Schwert durch den dicken Ast, als wäre er aus Butter. Er händigte ihn dem Elfenmädchen aus. „Bitte sehr. Aber schnitzen kann ich leider nicht“, sagte er mit einem Grinsen auf dem Gesicht.

„Vielen Dank. Das Bogenbauen sollte man sowieso den Elfen überlassen!“ Sie lachte und testete die Bruchsicherheit des Holzes, indem sie es sich übers Knie bog.

Erionn rief seinen treuen Wolf an seine Seite und winkte seinen Freunden zum Aufbruch.


 

Kapitel IV

(Zusammenhänge)

 

E

rionn saß noch immer an der Pritsche seines Bruders. Senganns Wunden waren versorgt und er würde ohne Frage überleben. Erionn setzte sich erschöpft auf einen Holzschemel, der vor der Pritsche stand. Der Druide vernahm das laute Schnurren seines Luchses, der sich zu ihm gesellt hatte und seinen Kopf an Erionns Bein rieb. Als Erionn ihn unter dem Kinn kraulte schloss das große Tier die Augen uns schnurrte noch lauter. „Morim, mein treuer Freund. Was sollen wir nur tun, die Lage scheint aussichtslos. Ich fürchte das hibernische Reich ist endgültig dem Untergang geweiht.“

Der Luchs schaute ihn aus seinen Katzenaugen an, als hätte er ihn verstanden.

„Kommt ihr großen, dummen Firbolg eigentlich alles so pessimistisch auf die Welt, oder eignet ihr euch diese Eigenschaft in eurem späteren Leben erst an?“, sagte der kleine Lurikeen, der plötzlich neben Erionn stand.

„Lognah! Es ist schön dich unversehrt wieder zu sehen. Ich dachte schon, einer dieser stinkenden Barbaren hätte dich erwischt. Ich freue mich, dass es dir gut geht“. Der junge Firbolg stand auf und umarmte seinen kleinen Freund.

„Puh! Ist ja gut ich leben noch. Aber nicht mehr lange, wenn du mich zerdrückst!“

„Oh, tut mir leid“, lachte Erionn.

Das Lächeln verschwand von Gesicht des Lurikeens, als sein Blick auf Sengann viel.

„Ist er? Ich meine ist er...?“

„Tod? Nein, so schnell stirbt dieser Sturkopf nicht. Ich habe seine Wunden versorgt. Er schläft jetzt.“

„Wenn er jetzt gestorben wäre, hätte ich ihn auch persönlich umgebracht. Ich hab ihn schließlich nicht umsonst vor dem riesigen Hirschkäfer gerettet. Dafür schuldet er mir mindestens noch ein Humpen Galzenbier!“

„Alle kampfbereiten Verteidiger Hibernias vor dem Haupttor sammeln!“, hörte Erionn den Kommandanten von draußen brüllen.

„Komm mein Freund. Stellen wir uns dem Feind. Unsere Kameraden brauchen unsere Hilfe. Lassen wir Sengann noch ein wenig Ruhe.“, mit diesen Worten stupste der Druide den Luchs an und schritt hinaus auf den Hof. Hunderte von tapferen Recken waren hier bereits versammelt. Alle Völker seines Heimatreiches hatten sich hier zusammengefunden, um sich dem Feind zu stellen. Die schlanken Elfen trugen verstärkte Lederrüstungen und Schuppenpanzer. Mächtige Elfenbögen waren auf ihre Rücken geschnallt und graziöse Degenwaffen hingen an ihren Gürteln. Die kleinen, magiebegabten Lurikeens summten Beschwörungsformeln, um Ihre Kameraden mit ihrer mächtigen Magie zu schützen. Erionn traten Tränen in die Augen vor stolz, als er all die Rassen Hibernias hier Seite an Seite stehen sah, bereit, wenn es sich für Nötig erweisen sollte, ihr Leben für ihre Kameraden und ihre Heimat zu opfern.

Menschen, Elfen, Lurikeens und Firbolgs. Sie alle bildeten zusammen den symbiotischen Kreislauf Hibernias.

Der über drei Schritt hohe firbolgische Kommandant stand vor den geschlossenen Holztoren und brüllte „Wir werden bald einer Streitmacht gegenüberstehen, die alle bisherigen Angriffe wie Plänkeleien aussehen lassen wird. Die Streitmacht der albionischen Ritter hat sich mit den Nordmännern verbündet und greift uns nun mit einer koordinierten Übermacht an. Weshalb sich diese beiden Todfeinde mit einander verbündet haben ist uns ein Rätsel. Der Hohe Rat hat bereits Diplomaten in die anderen Reiche geschickt, um mit den dortigen Regenten Kontakt aufzunehmen. Doch ändert das nichts an der Tatsache, dass hier und jetzt die größte Schlacht in der hibernischen Geschichte geschlagen werden wird. Ein Dutzend Regimenter der Elfen und Firbolgs sind auf dem Weg hierher, um uns beizustehen. Unsere Aufgabe wird es sein, den Gegner solange hinzuhalten, bis die Verstärkungen eingetroffen sind.“

Erionn spürte, wie ihn jemand an sein Bein stieß. „Wird Sheilsarah auch dabei sein?“, fragte Lognah den Druiden. Das Elfenmädchen hatte sich in Drium Ligen den Elfen angeschlossen.

„Das wird sie mein kleiner Freund.“

„Meine Unteroffiziere werden euch nun in Kampfverbände einteilen. Gehorcht ihnen ohne Widerspruch und Zögern. Wir haben nicht mehr viel Zeit!“, rief General Selchann.

 

 Sengann und Lognah wurden zur Verteidigung an die Front geschickt, um den Fuß des Hügels zu verteidigen auf dem die Festung stand. Erionn stand ihnen mit seinem Wolf zur Seite. Lognah sah zurück zum schwer befestigten Außenposten. Vor den Mauern wurden große angespitzte Pfähle in den Boden gerammt, um der angreifenden Kavallerie das Anstürmen zu erschweren. Auf den Zinnen stellten sich zwei Reihen Bogenschützen auf. Vorne die kleinen flinken Lurikeens und in zweiter Reihe die größer gewachsenen Elfen. Mit dem Ellebogen stieß Lognah Sengann an.

„Ich glaub da oben steht Sheilsarah.“ Er deutete Richtung Außenposten.

Die Sorge um seine Freunde konnte man Sengann sichtlich ansehen.

„Ja ich hoffe auch, dass sie so vernünftig war, in der Festung zu bleiben“, antwortete Sengann.

„Hm. Von Vernunft hält sie ja eigentlich nichts, oder?“ Lognah biss sich vor Ärger über sich selbst auf die Unterlippe. Das Letzte, was er jetzt wollte, war Sengann noch mehr zu beunruhigen.

„Habt ihr eigentlich Angst?“, flüsterte Lognah seinen Freunden zu. „Ich weiß, über Firbolgs sagt man, dass sie niemals Angst oder Furcht vor irgendetwas haben. Ist das Wahr?“

„Ein Mann, der keine Angst verspürt ist entweder Tod oder ein Dummkopf, mein kleiner Freund“, antwortete Sengann.

 Erionn hockte sich hin und streichelte den Kopf seines Wolfes, „Die Angst ist ein Bestandteil unserer Selbst und bewahrt uns davor törichte Fehler zu begehen. Wichtig ist nur, diese Emotion zu kontrollieren und darauf zu achten, dass sie nicht dein Handeln bestimmt.“

Der kleine Mann sagte so selbstbewusst wie er konnte „Ich habe jedenfalls Angst. Aber ich werde nicht weglaufen.“

Plötzlich fing die Erde unter ihren Füssen an zu vibrieren. Erionn schaute nach Süden über die weiten Steppen und konnte in der Ferne Staubwolken ausmachen, welche von einer riesigen, marschierenden Armee verursacht wurde. Aus den schier endlosen Massen der Infanterie stachen riesige Steinwesen hervor. Sie stampften neben den Truppen her und verursachten bei jedem ihrer langsamen aber großen Schritte ein lautes donnerndes Geräusch.

Der Unteroffizier, ein schlanker, großer Elf in einem grünen Schuppenpanzer, trat vor sie. „Ruhe bewahren Männer. Wir warten bis unsere Bogenschützen eingetroffen sind und ihre Salven abgeschossen haben. Ich gebe dann das Zeichen zum Angriff.“ Der Stolz in dem Gesicht des Elfen schien einen ganz kleinen Moment dem Ausdruck von panischer Angst zu weichen. Einen Augenblick später hatte er seine Beherrschung wiedererlangt. 

Schließlich war es soweit. Das Vibrieren der Erde war einem regelrechten Beben gewichen, als die riesige Masse der Gegner immer näher kam. Endlich kam das erwartete Regiment der Bogenschützen den Hang herunter. Diszipliniert nahmen sie sofort Formation ein. Auf Befehl des Offiziers teilte sich die Menge des Kampfverbandes und die über einhundert Bogenschützen traten vor die Infanterie. Jeder zog ein Dutzend Pfeile aus seinem Köcher und steckte sie vor sich in den Boden. Ihre Bögen nahmen sie in die linke Hand. Sengann versuchte zu erkennen ob sich Sheilsarah unter ihnen befand, konnte sie aber nirgendwo ausmachen.

„Achtung!“, schrie der Elfenoffizier.

„Pfeile auflegen!“

Wie in einer fließenden Bewegung zog jeder Schütze einen Pfeil vor sich aus dem Boden und legte ihn auf.

„Bögen spannen!“

Mit ungeheurer Kraftanstrengung spannten jeder Einzelne der Waldläufer seine tödlichen Waffen bis zum Anspann.

Wieder hatten sich eine Reihe Lurikeen Bogenschützen vor die Elfen gestellt, damit jedes Mal zwei Reihen auf einmal schießen konnten.

„Feuer!“

Hunderte von Pfeile surrten durch die Luft der gegnerischen Armee entgegen.

 

Sengann zuckte vor Schreck zusammen.

Über seinen Kopf hinweg flogen, mit lautem Getose haushohe, brennende Gesteinsbrocken, geschaffen aus reiner Energie. Gefolgt von kugelförmigen Geschossen aus dunkler Materie, die einen unheimlichen, schwarzen Schweif hinter sich herzogen. Die Luft flimmerte, so sehr erhitzte sie die magische Energie. Dann war es einen Augenblick still, bis die zerstörerische Magie wenige Augenblicke später die feindliche Armee erreichte. Mit lautem Getöse explodierten unzählige brennenden Felsen beim Aufprall, die unglaubliche Kraft der dunklen Materie zerrissen unzählige Körper. Die Szene glich von weitem einem grausamen Inferno. Darauf folgte wieder Stille. Erionn war sich nicht ganz sicher, aber irgendetwas stimmte hier nicht. Er vernahm nicht einen einzigen Schrei der getroffenen Soldaten. Oder waren sie einfach nur noch zu weit entfernt um sie zu hören? Dieses Inferno besaß solche Ausmaße, das Erionn glaubte die gesamte gegnerische Armee wäre zerstört worden. Schwarze Russwolken, die gen Himmel emporstiegen nahmen ihnen die Sicht auf das Geschehen. Doch dann schälten sich die Umrisse der ersten Krieger aus den dichten Rauchschwaden. Zuerst schienen es nur wenige zu sein. Aber als sie zu rennen begannen, folgten ihnen unzählige andere.

Dann waren die Bogenschützen an der Reihe. Eine Salve nach der anderen, surrten hunderte von Pfeilen durch die Luft. Von den herannahenden Massen vielen aber nur wenige zu Boden. Zu wenige wie Erionn meinte. Sollten die Bogenschützen ihre Ziele verfehlt, haben oder hatten ihre Feinde bessere Rüstungen welche ihre Pfeile nutzlos machten? 

„Zieht eure Waffen!“, schrie der Elfenoffizier.

Die ersten Gegner erreichten nun die Front und wollten die, im Nahkampf nahezu wehrlosen Fernkämpfer, einfach über den Haufen rennen. Die ersten Bogenschützen zogen sich nach hinten zurück. Nur einige besonders mutige wollten noch eine letzte Salve abfeuern. Gut ein Viertel des Regiments hatte noch einen Pfeil nachgelegt und schoss. Ihre Ziele, die herannahenden Barbaren, wurden fast alle ausnahmslos getroffen. Doch auch sie schienen davon unbeeindruckt und rannten weiter, um die ersten Bogenschützen fast ohne Widerstand niederzustrecken.

„Verteidigungsformation bilden! Heiler nach hinten! Schildträger nach vorne!“

Erionn zog eine riesige, pechschwarze Sichel aus seinem Gürtel. Die tödlich geschärfte Waffe schimmerte ein wenig grünlich im Sonnenlicht. Er hatte diese Waffe einst einem toten Schamanen abgenommen, der mit seiner Sippe sein Dorf überfallen wollte. In der Sichel schlummerte ein nie endendes Gift, welches erst einmal in den Blutkreislaufen gelangt, die inneren Organe zerfraß. Sengann, der inzwischen auch seinen mächtigen Zweihänder gezogen hatte, grinste seinen Bruder an.

„Heute ist kein guter Tag zum sterben. Du solltest hinten bei den Heilern stehen.“

Erionn drehte seine Sichel ein wenig im Licht und grinste zurück.

„Diese Diskussion hatten wir schon des Öfteren, Bruder. Du weißt, dass ich dich nicht allein lasse.“

„Angriff!!“, brüllte der Offizier und gab das entsprechende Zeichen, indem er sein Schwert von oben nach unten durch die Luft schwang.

Brüllend stürzten sich die tapferen, hibernischen Verteidiger auf ihre Todfeinde.

Die Barbaren wüteten in den Reihen der Bogenschützen und hatten beinahe die Hälfte der heldenhaften Recken schon niedergestreckt, als Sengann’ s Einheit zur Hilfe eilte. Tapfer verteidigten sie sich mit ihren Kurzschwertern gegen ihre Gegner. Mit ihrer leichten Nahkampf Ausrüstung und einfachen Lederrüstungen hatten sie den Äxten und Schwertern ihrer Gegner kaum etwas entgegenzusetzen. Unaufhaltsam wurden sie zurückgedrängt und versuchten dem Gemetzel zu entkommen.

Erionn und Sengann unterstützten zwei in Bedrängnis geratene Lurikeens bei ihrem Kampf gegen die Übermacht. Ein grimmiger, axtschwingender Zwerg, ein kleiner Kobold und ein Wikinger hatten sie eingekreist wandten sich jetzt aber ihren neuen Gegnern zu.

 

Der Zwerg kam unkoordiniert und wild auf Sengann zugelaufen. Der Firbolg holte Schwung und schlug mit seinem Zweihänder direkt auf den Kopf des Zwerges. Wäre es dem midgardischen Krieger nicht gelungen in letzter Sekunde seine zweihändige Axt in beide Hände zu nehmen und schräg vor sich zu halten, um den Angriff zu parieren, wäre sein Kopf mit Sicherheit wie eine Melone in zwei Teile gespalten worden. Dennoch hatte er die Stärke des Firbolgs stark unterschätzt. Er viel durch die Wucht des Schlages einige Schritte zurück, stolperte über einen Stein und viel zu Boden. Sengann setzte sofort nach, und rammte ihm seinen Schwertknauf mit aller Wucht unters Kinn, so dass ihm seine Zähne zerbrachen und aus dem Mund flogen. Der Fian ließ sein Schwert fallen, nahm den runden Kopf des Zwerges in beide Hände und brach ihm mit einem Ruck das Genick.

 

Ihm lief ein kalter Schauer den Rücken. Erst jetzt viel ihm auf, dass die Haut seines Widersachers ungewöhnlich bleich und erkaltet war. Totenflecken bedeckten einen Großteil des Körpers. Pfeile steckten in seiner Brust und kein Blut floss aus seinen Wunden. Tote hatte Sengann während der Ausübung seiner Arbeit als Bewacher schon öfter als ihm lieb war gesehen. Aber jetzt auch noch Leichen im Kampf gegenüberzustehen, ließ den gestanden Firbolg alles andere als kalt.

Als sich aus dem geöffneten Mund des leblosen Zwerges einige fingergroße Leichenwürmer nach draußen schlängelten, zuckte der Fian zusammen. Sie waren fett gefressen, was darauf hinwies, dass sie sich wohl schon einige Zeit an den toten Eingeweiden gelabt haben mussten. Ein widerlicher Geruch nach totem Fleisch strömte dem Fian aus dem Rachen der Leiche entgegen.

Sengann schaute sich unentwegt nach Sheilsarah um. Irgendetwas sagte ihm, dass sie in diesem selbstmörderischen Regiment mitgekämpft hatte. Schlag um Schlag streckte er weitere Untote nieder in der Hoffnung den restlichen Überlebenden des Fernkampfregiments eine Möglichkeit zur Flucht zu geben.

 

Der großgewachsene Wikinger hatte es auf Erionn abgesehen. Er trug einen großen Stahlhelm auf dem Kopf, in dessen Oberseite die Hörner eines Ochsen gearbeitet worden waren. Sein Leib war nur von einem zerrissenen Fell eingehüllt, welcher nur wenig Schutz vor Erionn’ s Waffen bot. Er schien den Firbolg einfach umrennen zu wollen, in dem er unbeholfen auf ihn zu stolperte. Ohne größere Mühen gelang es dem Druiden dem Angreifer auszuweichen. Als er hinter ihm stand, führte er einen schnellen diagonalen Hieb aus und schlitzte damit einen seinen Gegner mit seiner Sichel auf. Der junge Druide musste würgen und sich beherrschen nicht zu erbrechen, als aus dem aufgeschlitzten Körper ein widerlicher, verfaulter Gestank drang. Der Leichnam des Wikingers viel in sich zusammen, wie einer Marionette, der man die Fäden durchgeschnitten hatte. Ein kleiner Kobold kam stöhnend von der Seite mit gezogenem Dolch. Als der Firbolg sich ihm zuwandte sah er, dass dem kleinen Kobold sein linker Augapfel aus der Höhle hing. Angewidert trat er mit aller Kraft vor den Schädel des obskuren Wesens, dass es nach hinten flog. Er setzt ihm nach und schnitt ihm mit einem schnellen Hieb die Kehle durch.

„Untote, es sind Untote!!“, schrie er seinen Gefährten zu.

 

Lognah, der in einer Baumkrone über dem ganzen Geschehen gelauert hatte, zog mit einem schleifenden Geräusche seine beiden tödlichen Kurzschwerter aus seinen Scheiden, schätzte noch einmal die Entfernung ab und sprang dann auf den Rücken des anderen Nordmannes. Tief bohrten sich seine Klingen in den Rücken seines Gegners. Aus den offenen Wunden drang ihm der verfaulte Gestank von totem Fleisch in die Nase. Immer wieder und wieder stach der kleine Lurikeen zu, bis sein Gegner endlich zusammenbrach. Bevor der Kadaver zu Boden stützte sprang Lognah geschickt von dessen Schulter.

„Bah ! Die Kerle stinken ja noch schlimmer als ich jemals vermutet hätte. Ist ja ekelig...“, angewidert wischte er seine Waffen im Gras sauber.

Als er den Ruf seines Firbolg Freundes Erionn vernahm, rannte er zu ihm hinüber.

„Was meinst du mit Untote?“, fragte der kleine Lurikeen und schnappte nach Luft. „Wie kann das sein? Ich meine wie ist so etwas möglich? Man kann doch nicht Tod sein und dann doch wieder nicht?!“. Der Lurikeen fuchtelte wild mit seinen kleinen Armen in der Luft herum. „Und wie sollen wir gegen Wesen kämpfen die bereits besiegt wurden?“

„Beruhigt euch. Wir haben hier eine Schlacht zu schlagen. Egal ob es Menschen, Geister oder

Zombies sind. Wenn euch einer dieser Untoten gegenübertritt, dann versucht ihn bewegungsunfähig zu machen oder trennt den Kopf von seinem Rumpf“, versuchte Sengann die Situation unter Kontrolle zu halten; So absurd der Gedanke auch sein mochte – Schließlich waren sie um ein Vielfaches in der Unterzahl.

Eine riesige Streitaxt schlug nur knapp neben dem kleinen Lurikeen in die Erde. Grasbüschel und Erde flog durch die Luft, als die Waffe bis zur Hälfte im Boden stecken blieb. Erschreckt sprang er beiseite und sah einen Troll neben sich stehen. Er war fast dreimal so hoch wie er. Auch er wies schon starke Verwesungserscheinungen auf. Einige Rippen hatten sich durch seine Bauchwand gebohrt, und sein Genick schien gebrochen zu sein, da sein Kopf leblos hinab hing. Während Lognah seine Waffe aus dem Boden zog, holte Sengann weit mit seinem Zweihänder aus. Er drehte sich einmal um sich selbst, um dann nach halber Drehung in die Knie zu gehen und mit voller Wucht die Beine des verwesten Trolls zu zerschmettern. Der Untote viel mit seinem Kopf hart auf einen Stein. Erionn war mit einem Sprung bei ihm, hob seine Sichel und trennte ihm den Kopf vom Torso.

Grünes verfaultes Blut strömte aus dem Hals und färbte den Boden in einen giftgrünen Farbton.

Die Massen der Untoten schienen kein Ende zu nehmen. Für jeden den sie vernichteten

Erschienen zwei neue. Sengann glich einer von Zwergenhand erbaute Kampfmaschine.

Er wirbelte mit seiner tödlichen Klinge durch die Massen. Mit einer schier endlosen Ausdauer schlug er einen Gegner nach dem anderen nieder. Seine Muskeln schmerzten vor Anstrengung. Jeder Schlag mit seinem großen Zweihandschwert brachte Sengann der endgültigen Erschöpfung näher. Zwerge, Trolle, Ritter; einer nach dem Anderen vielen sie zu Boden. Doch wo er einen erschlagen hatte, standen ihm einen Augenblick später zwei neue gegenüber. Oder aber die Erschlagenen erwachten wieder zu neuem Leben. Das Weiterkämpfen schien ohne Sinn geworden zu sein.

Erionn und Lognah wichen ihm nicht von der Seite. Der Druide war verwundert wie schnell und präzise die kleinen Klingen des Lurikeens ihr tödliches Werk verrichteten.

Sengann fragte sich wie lange seine Kameraden das noch durchhalten mochten, als laut ein Horn zum Rückzug geblasen wurde.

„Rückzug! Wir formieren uns neu an dem Außenposten!“, schrie der Elf übers Schlachtfeld. Die Kampfverbände traten einen geordneten Rückzug an. Die Bogenschützen und Magier gaben ihnen Rückendeckung. Surrend flogen hunderte von Pfeile durch die Luft. Die Magier erschufen zwischen der hibernischen Armee und ihren Feinden ein reines Flammeninferno, das sich durch die Massen der Untoten fraß. Sengann sah sich einige male beim Rückzug zum Außenposten um und erschauderte. Ihre Gegner mussten mindestens an die zweitausend sein. Dieser Übermacht würden sie nicht lange standhalten können.

Als sei sein Herz nicht schon voller Kummer, so schmerzte ihn immer noch die Unwissenheit über das Schicksal Sheilsarahs. Noch einmal schaute er sich um, und da sah er sie. Sie war umringt von Dutzenden von Untoten und wehrte sich mit nur zwei weiteren Waldläufern ohne Aussicht auf Erfolg. Er spurtete los, in der Hoffnung noch rechtzeitig zur Hilfe zu kommen. Als er auf die ersten Gegner traf, kämpfte er wilder als die berüchtigten Berserker der Nordmänner. Ohne Unterlass metzelte er einen nach dem anderen nieder. Sein Schwert ließ ihn dabei nicht im Stich, dessen leichtes Material erlaubte dem Firbolg schneller zu schlagen und der scharf geschliffene Stahl schnitt sich durch seines Rüstungen seiner Gegner fast wie durch Butter. Sengann versuchte alles um in diesem Kampf die Oberhand zu behalten, wurde dann aber von einem hinterrücks angesetzten Schlag mit einem Streitkolben zu Boden geworfen. Sengann versuchte aufzustehen, er spannte jeden einzelnen seiner Muskeln an und warf dann mit aller Kraft die drei Zombies von seinem Rücken. Noch bevor er aufstehen konnte hingen schon wieder zwei neue Untote auf seinem Rücken. Nur war dieses mal ein fetter Troll dabei, dessen Gewicht selbst einen Elefanten zu Boden gerissen hätte. Der Firbolg ächzte vor Schmerzen und hielt seine Hand ausgestreckt, als wenn er seiner Freundin damit hätte helfen können. Er zitterte vor Wut und Anstrengung aber es wurden nur noch mehr Gegner. Sein Herz schrie vor Wut aber sein Körper hatte nicht die Möglichkeit gegen die Massen von Gegnern anzukommen. Der Troll begann mit seinen großen Händen den Hals des Firbolgs feste zuzudrücken. Obwohl es kaum möglich war einen Firbolg zu erwürgen, war es doch für einen Troll, den ärgsten Feinden der Firbolge, durch deren schier unglaubliche Stärke keine große Sache. Sengann fielen erst gar nicht die Wurzeln auf, die aus dem Boden wuchsen und sich langsam um die Beine seiner Widersacher schlängelten. Einer nach dem Anderen wurden die Zombies von der riesigen Schlingpflanze festgehalten. Auch der Troll wurde umschlungen. Er ließ kurz von Sengann ab und zerriss dann mit einem kräftigen Ruck die Pflanze, welche seine Beine umschlungen hatte. Der Firbolg fasste nach hinten und tastete nach dem Kopf des Trolls. Er packte ihn und wuchtete ihn nach vorne über. Der Troll war zwar ein gutes Stück kleiner als der Firbolg, dafür aber mindestens doppelt so breit, und war Sengann an Kraft nicht unterlegen. Mindestens ein Dutzend Zombies standen um ihn herum, gefangen in deren Käfigen aus Schlingpflanzen.

„Dich kann man auch keine Sekunde aus den Augen lassen, großer Bruder“, lachte Erionn, der seinen Wolf auf einen Zombiekobold hetzte, der sich aus seinem Gefängnis befreit hatte. Sengann bedankte sich mit einem Nicken, stütze sich an die Schulter seines Bruders und wischte sich das Blut ab, das ihm aus dem Mund rann. Der Troll stöhnte laut auf. Noch bevor er aufstehen konnte hatten Erionn und Sengann ihre Waffen tief in dessen Rücken vergraben. „Mein ewiger Dank sei dir Gewiss“, hustete Sengann und humpelte weiter. Sein Blick war von Tränen und Blut verschleiert. Er konnte nur noch erahnen, ob er in die richtige Richtung lief.

Erionn riss seinen Bruder zu Boden als mit lautem Getose ein Feuerball knapp an ihnen vorbei flog. Die Hitze nahm den beiden Geschwistern den Atem. Der helle Lichtblitz der Explosion blendete sie kurz. Sengann blinzelte das Blut aus den Augen und schaute nach Sheilsarah. Sengann drehte sich der Magen um, als er sah, dass der Feuerball für genau die Zombies gedacht war, gegen die er seine Freundin beschützen wollte. Ohne ein Wort zu verlieren rannte er auf die verbrannten Überreste zu. Sein Atem verließ nur widerwillig seine zusammengeschnürte Lunge. Er hielt sich seine große Hand vor den Mund und untersuchte eine Leiche nach der anderen. Es war ein schrecklicher Anblick. Die meisten von ihnen waren wohl Nordmänner, aber auch ein paar der Elfen lagen dazwischen. Senganns Herz wurde eine Spur leichter, als er keine weibliche Elfenleiche entdeckte…

 

Die Soldaten stürmten so schnell sie konnten durch die bereits geöffneten Tore ins Innere der Festung. „Sobald alle drin sind, schließt unverzüglich die Tore! Die Eldritches und Bogenschützen sollen auf der Wehrmauer Stellung beziehen!“, schrieen Selchann. Mit einem dumpfen Geräusch schlossen sich die Tore. „Das klang irgendwie endgültig. Jetzt sitzen wir hier in der Falle“, sagte der kleine Lurikeen betrübt.